Kaufhaus Conitzer in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą)

Kaufhaus Conitzer in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą)Kaufhäuser waren vor dem Ersten Weltkrieg wichtige Werbekunden der Culmer Zeitung. Davon zeugen großformatige Anzeigen, die regelmäßig – meistens auf der letzten Seite – ihrer Ausgaben erschienen sind.

Im August 1911 sprach das Kaufhaus von Rudolph Conitzer in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą) mit einer vierseitigen Werbebeilage in der Culmer Zeitung (Ausgabe vom 13. August) auch seine Kundschaft auf der anderen Seite der Weichsel an. Hier können Sie Abbildungen dieser Werbebeilage einsehen:

Vom 1932 verstorbenen Rudolph Conitzer (oft wird auch die Schreibweise „Rudolf“ verwendet) ist ein mit „Berlin 1929/30“ datierter, sechs Schreibmaschinenseiten umfassender, Auszug aus seiner Selbstbiographie erhalten geblieben. Dieser Auszug ist Teil der vom Leo Baeck Institute in New York aufbewahrten und dank Digitalisierung im Internet verfügbaren John H. Richter Collection 1904-1994 (Link zur Sammlung).

Lauf diesem Dokument wurde Rudolph Conitzer am 8. Mai 1851 in Jeżewo (Jeschewo), Kreis Świecie (Schwetz), geboren. Er besuchte zunächst die deutsche Landschule im Nachbardorf Taszewskie Pole (Taschauerfelde), später gemeinsam mit seinen Vettern Hermann Tuchler und Louis Jakob die jüdische Privatschule in Tuchola (Tuchel). Schließlich wohnte er bei seinem Onkel Bennheim in Świecie (Schwetz) und ging dort auf die Bürgerschule.

Rudolph Conitzers 1789 in der Nähe von Warschau geborener Großvater Aron ließ sich in Sępólno Krajeńskie (Zempelburg) nieder, sein Vater Moses kam am 3. Februar 1822 auf die Welt und lebte in Jeżewo. Er heiratete 1850 die am 1. Juni 1824 geborene Ernestine Bennheim. Sie hatten sieben Kinder, die Söhne Rudolph, Nathan (geb. 1857), Alexander (geb. 1859), Hermann (geb. 1862), Lothar und die Tochter Rahlchen. Die Conitzers waren relativ vermögend und beschäftigten zumindest für einige ihrer Kinder einen Hauslehrer. 1857 wurde ein massives Geschäfts- und Wohnhaus errichtet. Zur positiven wirtschaftlichen Entwicklung in Jeżewo trug der Bau der Bahnlinie bei. Moses Conitzer erweiterte seinen Besitz um landwirtschaftlich genutzte Flächen. Außerdem richtete er in seinem Haus einen Synogogenraum mit Torarolle ein. Sein Geschäft vergrößerte Moses Conitzer dank der günstigen Konjunktur um Kurz- und Schnitt- sowie Eisenwaren.

Mit 13 Jahren trat Rudolph Conitzer eine Lehre bei Salomonsohn & Co. in Inowrocław an, kehrte aber nach einer vierwöchigen Probezeit wieder nach Hause zurück. Da sein Vater „im Schriftlichen weniger bewandert war“, übernahm er den Schriftverkehr und die Buchführung. Bis zum 1. Juli 1878 arbeitete Rudolph im Geschäft seines Vaters in Jeżewo, als er sich – nunmehr 27 Jahre alt – in Świecie (Schwetz) selbständig machte.

Seine Brüder eröffneten mit elterlichem Kapital ein Geschäft in Kwidzyn (Marienwerder). Conitzers Eltern zogen ebenfalls nach Kwidzyn um. Ab dem 1. Februar 1882 bestand dort das Manufaktur- und Modewarengeschäft „M. Conitzer & Söhne“. Moses Conitzer verstarb 1902.

Rudolph Conitzer schreibt über seine Firmengründung in Schwetz: „Am 1. Juli 1878 etablierte ich mich … in dem Jakob Bischerschen Hause am Grossen Markt, das neu erbaut wurde … ein Manufakturwarengeschaeft, und zwar nur mit allein erworbenem Geld.“

Im Februar 1880 heiratete Rudolph Conitzer die Tochter des Getreidehändlers und Spediteurs Dobrzynski aus Inowrocław. Er erinnert sich: „Die Mitgift von 15.000 Mark, die zur damaligen Zeit ein schoenes Kapital bedeutete, kam mir geschaeftlich sehr zu statten. (…) Nach einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, das ehemalige Neuss’sche Eckgrundstück am Grossen Markt (…) fuer 36.000 Mark zu kaufen. Im Laufe der Jahre habe ich es oefter umgebaut und aufgestockt, sodass es mit der Zeit durch die 12 Schaufenster, das Oberlicht, die Centralheizung eine Sehenswuerdigkeit von Schwetz wurde.“

Conitzer beteiligte sich auch mit wirtschaftlichem Erfolg an der Gründung der Schwetzer Zuckerfabrik und der Kalksandsteinfabrik. Seine Frau Rosa und er unternahmen Reisen nach Italien, Frankreich und England. Von 1903 bis 1906 war er Stadtrat, später (auch) Kreistagsabgeordneter. Er setzte sich für den Bau der Bahnverbindung Świecie-Laskowice (Schwetz-Laskowitz) ein. Außerdem schreibt er, die Einrichtung einer Reichsbanknebenstelle und einer kaufmännischen Fortbildungsschule in Schwetz sei auf seine Veranlassung erfolgt. Er spendete beträchtliche Summen für wohltätige Zwecke. Ab 1909 leitete Rudolph Conitzer die Einkaufsgemeinschaft der 12 Kaufhäuser der Familie Conitzer in Berlin, ohne jedoch seinen Wohnsitz in Schwetz vollkommen aufzugeben.

Am 12. November 1919 starb Rosa Conitzer, geb. Dobrzynski. Das Kaufhaus in Schwetz war nach dem Ersten Weltkrieg viele Jahre lang geschlossen und wurde 1929 für ein Drittel seines Werts verkauft.

Rudolph Conitzer starb 1932. Einige Jahre später, während der NS-Zeit, wurde die Familie Conitzer enteignet und ihre in Deutschland gelegenen Kaufhäuser “arisiert”. Neben Rudolph Conitzer hatten sich unter anderem seine drei Brüder Nathan (1857-1933), Alexander (1859-1951) und Hermann (1862-1936) sowie sein Cousin Alfred Conitzer (1881-1951) erfolgreich im Einzelhandel betätigt.

Königliches Kadettenhaus zu Culm


Das königliche Kadettenhaus zu Culm bildete von 1776 bis zu seiner Verlegung nach Köslin (Koszalin) im Jahr 1890 eine wichtige preußische Institution in der Stadt. Seine Kaserne (gegenwärtige Adresse ul. 22 Stycznia 16), in der sich heute Wohnungen befinden, ist im Sommer 2008 von außen umfassend saniert worden. Die Fotos sind am 6. Dezember 2008 entstanden.



Kunsthonig Weramel aus Unisław

Anzeige des Unternehmens Dr. W. A. Henatsch aus Unisław im Landkreis ChełmnoMit dieser Anzeige in der Tageszeitung Słowo Pomorskie vom 16. Januar 1929 bewirbt das Unternehmen Dr. W. A. Henatsch aus Unisław im Landkreis Chełmno (Culm), das zu dieser Zeit bereits für seinen Kunsthonig “Unamel” bekannt war, ein neues Produkt mit der Bezeichnung “Weramel”. “Kunsthonig wie Honigbutter” lautet der Werbeslogan für diese neue Marke.

Wie die Zeitung in einem redaktionellen Beitrag lobt, ist es der Firma Henatsch nach langer Entwicklung gelungen, den neuen Kunsthonig “Weramel” ausschließlich aus inländischen Rohstoffen herzustellen.

Friseursalon Epding am Markt (1913-1945)

1912 erwarb der Friseurmeister Alwin Epding am Culmer Markt das Haus Nr. 20, das heute die Hausnummer 15 trägt, und eröffnete dort einen Friseursalon, der nach seinem Tode im Jahr 1943 von seiner Tochter Irma Reiter, geb. Epding, übernommen und bis zur Flucht der Familie vor der Roten Armee im Januar 1945 fortgeführt wurde. Das folgende Bild zeigt Irma Reiter im Kreise ihrer Angestellten vor dem Schaufenster des Friseursalons. Ein Vergleich mit einem aktuellen Foto zeigt, dass sich das Gebäude im sichtbaren Bereich kaum verändert hat.

Friseursalon Epding in Culm / Chełmno2006 unternahm die Enkelin Alwin Epdings, Frau Gudrun Poncet, geb. Reiter, eine Reise aus Westdeutschland in ihre Geburtsstadt Culm, das heutige Chełmno, um in den Straßen der Altstadt, in denen sie noch als fünfjähriges Mädchen gespielt hatte, eine ganz persönliche Spurensuche zu unternehmen.

Frau Poncet hat mir neben dem Foto aus dem Jahr 1943 eine Reihe von Angaben über ihre Familie übermittelt, die mehr als drei Jahrzehnte lang in Culm ansässig war.

Markt 15 in ChełmnoDer erste Inhaber des Friseursalons Alwin Epding wurde 1885 in Klein Trebis (poln. Trzebczyk) geboren. Dieser Ort liegt rund 13 km südlich von Culm. 1912 heiratete er die drei Jahre ältere Martha Piepke aus Klein Czyste (ab 1908 amtliche Bezeichnung Reinau, poln. Małe Czyste), einem Dorf 8 km südöstlich von Culm, deren Eltern einen Bauernhof besaßen und die erwirtschafteten Produkte unter anderem auf dem Wochenmarkt in der Kreisstadt anboten.

Im selben Jahr erwarb das frisch vermählte Ehepaar das bereits erwähnte Haus am Markt, in dem der über einen Meistertitel verfügende Alwin Epding 1913 einen Friseursalon eröffnete.

Zu dieser Zeit hat sich im Gebäude wahrscheinlich auch eine Gaststätte befunden, denn in einem Bauplan aus dem Jahr 1912 sind im Erdgeschoss rechts der Eingang zu einer Schankstube, ein Vereinszimmer sowie weitere Räumlichkeiten eingezeichnet. Auf der linken Seite des Erdgeschosses befanden sich hingegen der Eingang zum Flur und zum Friseurladen sowie zur im 1. und 2. Stock gelegenen Wohnung. Der Friseurladen wurde später erweitert und in einen Herren- und Damensalon umgewandelt.

Epding in Culm / Chełmno1913 wurde das erste Kind des Ehepaars Epding geboren, nämlich Irma. Ihr Bruder Heinz Ernst kam 1925 ebenfalls in Culm zur Welt. Er fiel als 20-jähriger Soldat in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs.

Irma Epding heiratete 1936 den aus dem rund 70 km westlich von Culm gelegenen Ort Mrotschen (poln. Mrocza) im Kreis Wirsitz (Wyrzysk) stammenden Herbert Reiter (geb. 22.03.1911), der in Culm als Bankbeamter arbeitete, spätestens seit 1943 als Marineoffizier Kriegsdienst leistete und 1945 ums Leben kam. Irma und Herbert Reiter wohnten in der Bischofsstraße 7 II (ul. Biskupia), unweit vom Friseursalon entfernt, den Irma nach dem Tode ihres Vaters als ausgebildete Friseuse 1943 übernahm. Neben der 1939 geborenen Gudrun hatte das Ehepaar Reiter noch die Tochter Gisela sowie den Sohn Klaus Dieter, die beide in jungen Jahren verstarben.

[Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags erfolgte am 24. März 2008]

Unia Landmaschinenfabrik 1922

Unia Landmaschinenfabrik 1922Eine gebrauchte, sich aber in einem vollkommen guten Zustand befindende Dampfdreschmaschine des Herstellers Garrett & Sons bot am 1. Juli 1922 in der Tageszeitung Słowo Pomorskie die Landmaschinen herstellende und in dieser Zeit offensichtlich auch mit ihnen handelnde Unia Vereinigte Maschinenfabriken AG (Unia Zjednoczone Fabryki Maszyn Tow. Akc.) aus Chełmno, das Nachfolgeunternehmen der seit 1864 bis zum Ende der preußischen Ära an der Bahnhofsstraße (ul. Dworcowa) tätigen Gießerei und Metallwarenfabrik Rudolf Peters, zum Preis von 900.000 Mark zum Kauf an.

Verfassungstag in Lisewo – 3. Mai 1929


Verfassungstag in Lisewo – 3. Mai 1929

Dieses Foto, veröffentlicht in der Tageszeitung Słowo Pomorskie vom 22. Mai 1929, zeigt, dass der Verfassungstag (3. Mai) in der Zwischenkriegszeit einen hohen Stellenwert genoss und selbst in kleineren Ortschaften Polens öffentlich begangen worden ist. Das Foto entstand am 3. Mai 1929 in Lisewo im Landkreis Chełmno (Culm).

Patriotische Schneiderin Felicya Dyament

Eine interessante Anzeige schaltete am 15. März 1863 die Schneiderin Felicya Dyament in der polnischen Tageszeitung Nadwiślanin. Sie versichert nämlich nicht nur, ihre Leistungen schnell und genau zu gemäßigten Preisen auszuführen, sondern wendet sich aufgrund ihrer gegenwärtig unglücklichen Lage mit einem patriotischen Appell an ihre verehrten Landsmänner und Landsmänninen.

Diese Anzeige schaltete am 15. März 1863 die Schneiderin Felicya Dyament in der polnischen Tageszeitung NadwiślaninIn der Anzeige heißt es: Obwohl mein Mann, eines Staatsverbrechens angeklagt, derzeit im Gefängnis sitzt, nehme ich, eine Nähmaschine (neuste Erfindung) besitzend, weiterhin sämtliche Bestellungen an. Als ihre Adresse nennt sie das Haus des Glockengießers Schulz an der ul. Toruńska (Thorner Straße) in Culm.

Die Inhaftierung des Ehemannes von Felicya Dyament war eine Folge scharfer Restriktionen der preußischen Regierung, die versuchte, Bestrebungen zu unterbinden, den im russischen Teilungsgebiet ausgebrochenen Aufstand der polnischen Bevölkerung (sog. Januaraufstand) zu unterstützen. Der Verlauf des Aufstands wurde von der polnischen Bevölkerung Culms mit großem Interesse verfolgt. Viele Männer beteiligten sich sogar an den Kämpfen jenseits der russisch-preußischen Grenze. Man sammelte auch Geld und Kleidung für die Aufständischen. Polnische Zeitungen berichteten laufend über die Ereignisse. Die preußische Obrigkeit reagierte auf die sie beunruhigenden Aktivitäten mit harten Maßnahmen. So wurden Redakteure von in Culm erscheinenden Zeitungen zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Unter ihnen findet man in der Literatur* den Namen Dyament.

* Biskup, Marian (Hrsg.): Dzieje Chełmna i jego regionu. Zarys monograficzny, Toruń 1968, S. 218

Bahnhof

Bahnhofsgebäude in Chełmno 2008Das alte Bahnhofsgebäude an der ul. Dworcowa konnte man bis vor kurzem kaum als Schmuckstück bezeichnen. Im Jahr 2008, als das erste Foto entstanden ist, teilte es das Schicksal vieler Bahngebäude im ganzen Land, die heruntergekommen sind und immer mehr zu verfallen drohen. Neben der Kasse des Busbahnhofs, der bis 2011 unübersehbar das Bild vor dem Gebäude prägte, waren im Bahnhof unter anderem ein Fliesengeschäft und ein Möbelladen untergebracht.

Bahnhofsgebäude in Chełmno 2012Mittlerweile ist das Gebäude teilweise modernisiert worden (siehe Foto vom 1. Juli 2012). Zumindest ein Teil des Gebäudes wird jetzt als Wartebereich für Passagiere und Verwaltungsräume genutzt. Auch das sich östlich des Gebäudes erstreckende Gelände, das sich an der ul. Dworcowa entlang zieht und auf dem sich früher Gleisanlagen befanden, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Der Stadt ist es nach mehrmaligen Anläufen gelungen, einen Teil des alten Bahngeländes zu veräußern, auf dem mittlerweile ein kleines Einkaufszentrum entstanden ist. Außerdem hat sie ein weiteres Ziel verwirklicht, nämlich einen neuen Busbahnhof gebaut, und zwar in relativer Nähe zum Bahnhofsgebäude. Dadurch müssen die Linienbusse nicht mehr vor dem engen Platz vor dem Bahnhof und an der ulica Dworcowa in Höhe des Arbeitsamtes halten.

Culmer Bahnhof im frühen 20. Jahrhundert

Das Bahnhofsgebäude in Culm bestand anfänglich aus Holz. Erst 1905 wurde ein gemauerter Bahnhof mit Restaurant und Räumen für den Bahnbetrieb geschaffen. Auf der Reproduktion einer Ansichtskarte aus dem frühen 20. Jahrhundert erkennt man sein ursprüngliches Aussehen. Im Vergleich mit dem aktuellen Foto sieht man, dass er irgendwann später grundlegend umgebaut worden ist. Ein aus preußischer Zeit stammendes Foto zeigt den Warteraum der I. und II. Klasse, der in Form einer Bahnhofswirtschaft von Ernst Corell betrieben wurde.

Warteraum im Culmer Bahnhof

Die Bahnstrecke nach Culm diente in den ersten Jahren vornehmlich militärischen Zwecken. Erst später wurden Personenzüge eingesetzt. Da bei Culm keine Weichselbrücke gebaut wurde, die eine Anbindung an die bereits 1852 in Betrieb genommene Hauptstrecke Bromberg/Bydgoszcz – Dirschau/Tczew – Danzig/Gdańsk ermöglicht hätte, konnte der örtliche Kopfbahnhof nie größere Bedeutung erlangen. Die erste Culmer Schienenstrecke, die von den Preußischen Staatseisenbahnen geschaffen wurde, war 17,0 km lang und führte in südöstliche Richtung nach Kornatowo. Sie wurde am 15. August 1883 in Betrieb genommen. Die Station Kornatowo (westlich von Lisewo) lag an der sogenannten Weichselstädtebahn Marienburg/Malbork – Marienwerder/Kwidzyn – Graudenz/Grudziądz – Culmsee/Chełmża – Thorn/Toruń.

Am 25. Oktober 1893 wurde die Strecke Fordon – Unisław – Culmsee/Chełmża fertig gestellt. Bei Fordon, heute ein Stadtteil von Bromberg/Bydgoszcz, wurde eine 1325 m lange Brücke über die Weichsel gebaut, die damals als größte Eisenbahnbrücke im Deutschen Reich galt. Um eine Verbindung zwischen Bromberg bis nach Culm zu schaffen, begann man, Schienen von Unisław in Richtung Culm zu verlegen. Am 2. September 1901 nahmen die Preußisch-Hessischen Staatseisenbahnen den 13,0 km langen Abschnitt zwischen Unisław und Althausen/Starogród in Betrieb und im folgenden Sommer, nämlich am 20. Juli 1902, war dann auch die 6,4 km lange Strecke zwischen Althausen und Culm fertig.

Zugfahrplan Chełmno 1929

Ab 1910 wurde an einer schnelleren Zugverbindung zwischen Thorn und Culm gearbeitet. Vom Bahnhof Thorn Nord aus wurde zunächst am 5. Oktober 1910 ein 6,1 km langer Abschnitt bis zur Station Waldmeisterkrug eröffnet. Diese Verbindung wurde in Richtung Unisław weitergeführt. Diese 22 Gleiskilometer waren am 1. Juli 1912 fertig gestellt.

1969 wurde der Bahnverkehr zwischen Culm/Chełmno und Unisław eingestellt, später ebenfalls die Strecke nach Kornatowo stillgelegt. Die Gleise sind im Culmer Stadtgebiet vollständig abgebaut, so dass nur noch das alte Bahnhofsgebäude und ein weiteres kleineres Gebäude an der ul. Łunawska an den einstigen Bahnverkehr erinnern. Darüber hinaus stehen zwischen der ul. Brzozowa und der Motocrossbahn im Südosten der Stadt noch die Pfeiler einer alten Brücke, auf der das Gleis in Richtung Unisław über ein Tal führte.

Quellen:

  • Chełmno auf alten Postkarten, herausgegeben vom Muzeum Ziemi Chełmińskiej, Chełmno 2000 (u.a. Repros der Bilder des ursprünglichen Zustands des Bahnhofs sowie der Bahnhofswirtschaft)
  • Hans-Wolfgang Scharf, Eisenbahnen in Westpreußen. Geschichtliche Entwicklung der Privat- und Staatsbahnen bis 1920, in: Westpreußen-Jahrbuch, Band 34, Münster 1984, S. 55-82
  • Eugenia Kwiatkowska, Chełmno w Polsce Ludowej (1945 – 1984), in: Marian Biskup (Red.), Dzieje Chełmna, Warszawa-Poznań-Toruń 1987, S. 375

Bahnhof Chelmno 2012

Das englische Packhaus zu Culm

In der Stadt Culm wird ein altes Gebäude gezeigt, das zur Zeit, als dieser Ort sich noch im Besitze eines blühenden Seehandels befand, den englischen Kaufleuten zur Waarenniederlage gedient haben soll. Von diesem Gebäude aus geht ein Gang tief unter der Erde fort; wie man behauptet, soll er sich eine Stunde weit bis nach dem Dorfe Grubno erstrecken. Wenigstens befindet sich in dem letzteren die Oeffnung eines andern unterirdischen Ganges, der in der dem ersteren entgegengesetzten Richtung streicht. Häufig hat man es schon versucht, von dem einen Ende zum andern zu dringen, aber immer vergeblich, da, wenn man tiefer hinabstieg, stets die Kerzen verlöschten. Auch wurden die, welche sich hinabwagten, durch gespenstische Erscheinungen in Schrecken versetzt. Bei einer Eroberung Culms durch die Polen nämlich soll ein Engländer, Bewohner des Kaufhauses, um seine Geliebte vor dem Andrange seines feindlichen Hauptmanns zu retten, mit ihr durch jenen Gang zu entfliehen versucht haben, aber nicht wieder an das Tageslicht gelangt sein. Die Sage berichtet, dass, als es ihm nicht gelingen wollte, den Ausgang zu gewinnen, er erst seine Geliebte, dann sich selbst ermordet habe, und daß Beider Geister es nun sind, die sich warnend zeigen.

Diese Sage wurde der Sammlung Die Volkssagen Ostpreußens, Litthauens und Westpreußens, herausgegeben von W.J.A. von Tettau und J.D.H. Temme, Berlin 1837, entnommen. Sie hat natürlich einen wahren Kern.

Packhaus in Cułm 1776Das Englische Packhaus hat es nämlich tatsächlich gegeben. Es wurde nach 1298 östlich des Rathauses auf dem Marktplatz errichtet und stand dort noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es handelte sich um ein prächtiges, mehrstöckiges Gebäude mit gotischen Treppengiebeln, einem Satteldach und Eingängen an jeder Seite. Überliefert ist, dass es mindestens 1635, 1663 und 1670 instand gesetzt worden ist. Im 17. und 18. Jahrhundert verkauften im Packhaus Metzger Wurst und Fleisch. Nördlich und südlich des Gebäudes befanden sich Verkaufsstände, an denen weitere Waren angeboten wurden.

Zur Entstehung der Sage über den geheimnisvollen Gang dürfte das doppelstöckige Gefängnis beigetragen haben, das im Keller des Englischen Packhauses untergebracht war. Man sprach vom oberen und unteren Gefängnis. 1661 erhielten seine Kerkerzellen neue Türen. In den Zellen befanden sich neben Gittern in die Erde eingelassene Eichenpfähle, an denen die Fuß- und Handfesseln für die Gefangenen befestigt waren. Es gab auch einen Aufzug, mit dem das Essen in die Zellen herabgelassen wurde.

Das Dorf Grubno liegt südöstlich von Culm und man benötigt vom Markt aus zu Fuß sicherlich eine Stunde, um es zu erreichen. Von Gängen unter der Altstadt sprechen noch heute ältere Culmer, die dabei auf mündliche Überlieferungen verweisen. Handfeste Beweise für die Existenz unterirdischer Verbindungswege gibt es aber nicht. Im Mai 2012 wurde im Zuge der gerade begonnenen Bauarbeiten auf dem Markt mit einem Bodenradar der fragliche Bereich der Altstadt untersucht. Hinweise auf unterirdische Hohlräume hat man nicht gefunden.

Angaben über das Englische Packhaus aus:

    • Marek G. Zieliński, Chełmno – civitas totius Prussiae metropolis XVI-XVIII w., Bydgoszcz 2007, S. 18, 44 f., 426