Mittelalterliche Burg in Świecie

Mögen Sie mittelalterliche Burgen? Dann können Sie von Chełmno aus einen Abstecher nach Świecie unternehmen, die nur wenige Kilometer entfernte Nachbarstadt am westlichen Ufer der Weichsel. Vom knapp 35 m hohen Turm der von 1335 bis 1350 errichteten Burg aus hat man einen herrlichen Ausblick auf die Umgebung.

Seit dem 1. April 2020 laufen noch bis zum 31. Mai 2021 in und an der Burg umfangreiche Instandsetzungs- und Bauarbeiten, so dass das Burggelände und die Burg derzeit nicht zugänglich sind. Ziel der baulichen Maßnahmen ist unter anderem, einen Ausstellungsbereich für das kleine Regionalmuseum zu schaffen, das sich bislang in einem Gebäude in der Altstadt befindet.

Im Sommer 2019 war die Burg Świecie im Zeitraum 1. Mai bis 30. September täglich von 10.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt für Erwachsene kostete 5,00 PLN, Schüler, Studenten und Rentner zahlten 3,00 PLN. Für Kinder im Vorschulalter war der Eintritt frei. Angeboten wurde auch ein Familienticket (zwei Erwachsene + zwei Kinder) zum Preis von 12,00 PLN.

Lage der Burg, vor der sich ein großer Parkplatz befindet:

Kaufhaus Conitzer in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą)

Kaufhaus Conitzer in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą)Kaufhäuser waren vor dem Ersten Weltkrieg wichtige Werbekunden der Culmer Zeitung. Davon zeugen großformatige Anzeigen, die regelmäßig – meistens auf der letzten Seite – ihrer Ausgaben erschienen sind.

Im August 1911 sprach das Kaufhaus von Rudolph Conitzer in Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą) mit einer vierseitigen Werbebeilage in der Culmer Zeitung (Ausgabe vom 13. August) auch seine Kundschaft auf der anderen Seite der Weichsel an. Hier können Sie Abbildungen dieser Werbebeilage einsehen:

Vom 1932 verstorbenen Rudolph Conitzer (oft wird auch die Schreibweise „Rudolf“ verwendet) ist ein mit „Berlin 1929/30“ datierter, sechs Schreibmaschinenseiten umfassender, Auszug aus seiner Selbstbiographie erhalten geblieben. Dieser Auszug ist Teil der vom Leo Baeck Institute in New York aufbewahrten und dank Digitalisierung im Internet verfügbaren John H. Richter Collection 1904-1994 (Link zur Sammlung).

Lauf diesem Dokument wurde Rudolph Conitzer am 8. Mai 1851 in Jeżewo (Jeschewo), Kreis Świecie (Schwetz), geboren. Er besuchte zunächst die deutsche Landschule im Nachbardorf Taszewskie Pole (Taschauerfelde), später gemeinsam mit seinen Vettern Hermann Tuchler und Louis Jakob die jüdische Privatschule in Tuchola (Tuchel). Schließlich wohnte er bei seinem Onkel Bennheim in Świecie (Schwetz) und ging dort auf die Bürgerschule.

Rudolph Conitzers 1789 in der Nähe von Warschau geborener Großvater Aron ließ sich in Sępólno Krajeńskie (Zempelburg) nieder, sein Vater Moses kam am 3. Februar 1822 auf die Welt und lebte in Jeżewo. Er heiratete 1850 die am 1. Juni 1824 geborene Ernestine Bennheim. Sie hatten sieben Kinder, die Söhne Rudolph, Nathan (geb. 1857), Alexander (geb. 1859), Hermann (geb. 1862), Lothar und die Tochter Rahlchen. Die Conitzers waren relativ vermögend und beschäftigten zumindest für einige ihrer Kinder einen Hauslehrer. 1857 wurde ein massives Geschäfts- und Wohnhaus errichtet. Zur positiven wirtschaftlichen Entwicklung in Jeżewo trug der Bau der Bahnlinie bei. Moses Conitzer erweiterte seinen Besitz um landwirtschaftlich genutzte Flächen. Außerdem richtete er in seinem Haus einen Synogogenraum mit Torarolle ein. Sein Geschäft vergrößerte Moses Conitzer dank der günstigen Konjunktur um Kurz- und Schnitt- sowie Eisenwaren.

Mit 13 Jahren trat Rudolph Conitzer eine Lehre bei Salomonsohn & Co. in Inowrocław an, kehrte aber nach einer vierwöchigen Probezeit wieder nach Hause zurück. Da sein Vater „im Schriftlichen weniger bewandert war“, übernahm er den Schriftverkehr und die Buchführung. Bis zum 1. Juli 1878 arbeitete Rudolph im Geschäft seines Vaters in Jeżewo, als er sich – nunmehr 27 Jahre alt – in Świecie (Schwetz) selbständig machte.

Seine Brüder eröffneten mit elterlichem Kapital ein Geschäft in Kwidzyn (Marienwerder). Conitzers Eltern zogen ebenfalls nach Kwidzyn um. Ab dem 1. Februar 1882 bestand dort das Manufaktur- und Modewarengeschäft „M. Conitzer & Söhne“. Moses Conitzer verstarb 1902.

Rudolph Conitzer schreibt über seine Firmengründung in Schwetz: „Am 1. Juli 1878 etablierte ich mich … in dem Jakob Bischerschen Hause am Grossen Markt, das neu erbaut wurde … ein Manufakturwarengeschaeft, und zwar nur mit allein erworbenem Geld.“

Im Februar 1880 heiratete Rudolph Conitzer die Tochter des Getreidehändlers und Spediteurs Dobrzynski aus Inowrocław. Er erinnert sich: „Die Mitgift von 15.000 Mark, die zur damaligen Zeit ein schoenes Kapital bedeutete, kam mir geschaeftlich sehr zu statten. (…) Nach einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, das ehemalige Neuss’sche Eckgrundstück am Grossen Markt (…) fuer 36.000 Mark zu kaufen. Im Laufe der Jahre habe ich es oefter umgebaut und aufgestockt, sodass es mit der Zeit durch die 12 Schaufenster, das Oberlicht, die Centralheizung eine Sehenswuerdigkeit von Schwetz wurde.“

Conitzer beteiligte sich auch mit wirtschaftlichem Erfolg an der Gründung der Schwetzer Zuckerfabrik und der Kalksandsteinfabrik. Seine Frau Rosa und er unternahmen Reisen nach Italien, Frankreich und England. Von 1903 bis 1906 war er Stadtrat, später (auch) Kreistagsabgeordneter. Er setzte sich für den Bau der Bahnverbindung Świecie-Laskowice (Schwetz-Laskowitz) ein. Außerdem schreibt er, die Einrichtung einer Reichsbanknebenstelle und einer kaufmännischen Fortbildungsschule in Schwetz sei auf seine Veranlassung erfolgt. Er spendete beträchtliche Summen für wohltätige Zwecke. Ab 1909 leitete Rudolph Conitzer die Einkaufsgemeinschaft der 12 Kaufhäuser der Familie Conitzer in Berlin, ohne jedoch seinen Wohnsitz in Schwetz vollkommen aufzugeben.

Am 12. November 1919 starb Rosa Conitzer, geb. Dobrzynski. Das Kaufhaus in Schwetz war nach dem Ersten Weltkrieg viele Jahre lang geschlossen und wurde 1929 für ein Drittel seines Werts verkauft.

Rudolph Conitzer starb 1932. Einige Jahre später, während der NS-Zeit, wurde die Familie Conitzer enteignet und ihre in Deutschland gelegenen Kaufhäuser “arisiert”. Neben Rudolph Conitzer hatten sich unter anderem seine drei Brüder Nathan (1857-1933), Alexander (1859-1951) und Hermann (1862-1936) sowie sein Cousin Alfred Conitzer (1881-1951) erfolgreich im Einzelhandel betätigt.

Schwetz (Świecie) – Großer Markt

Vor einigen Wochen hatte ich bereits einige Fotos vom 11. Mai präsentiert, die den im Frühjahr 2012 modernisierten Großen Markt (Duży Rynek) in Schwetz am der Weichsel (Świecie nad Wisłą) zeigen. Heute konnte ich einige weitere Aufnahmen machen.

Durch die Aufstellung vieler Sitzbänke ist der Große Markt wesentlich belebter als vor der Umgestaltung. Die Anfahrt mit dem Auto und die Parkmöglichkeiten haben sich jedoch eher verschlechtert.

Paul Goesch (1885-1940)

Paul GoeschDer Maler und Architekt Paul Goesch kam am 30.08.1885 in Schwerin als sechstes Kind von Carl und Dorothee Goesch zur Welt. Der Vater war dort Landgerichtsrat und erhielt später einen Lehrauftrag an der Berliner Universität, wo Goesch seine Jugendzeit verbrachte. Er strebte den Beruf des Architekten an und studierte von 1903 bis 1910 Architektur in Berlin, München und Karlsruhe. Während der Studienjahre unternahm er Reisen nach Frankreich, Italien, Süddeutschland und an die Ostsee.

Paul Goesch unterhielt engen Kontakt zu seinem Bruder Heinrich und dessen Frau, einer Kusine von Käthe Kollwitz. 1909 zog er zu ihnen nach Dresden. Heinrich Goesch war Professor an der Dresdner Akademie für Kunstgewerbe. Die Brüder interessierten sich für Philosophie und visionäre Architektur. Sie entwickelten ein “allgemein befindliches System der Ästhetik mit mathematischen Grundlagen”. Ferner publizierten sie Gedichte. Paul Goesch hinterließ in einer Turnhalle in Laubegast, die seinem Freund Eberhard Goellner als Atelier diente, Wandmalereien mit Szenen aus dem Leben Buddhas als erste Zeugnisse seines künstlerischen Wirkens.

Traumphantasie
undatiert, Deckfarben über Bleistift auf Papier, 16,5 x 20,6 cm, Sammlung Prinzhorn

Im selben Jahr erkrankte Goesch und verbrachte jeweils sechs Monate in Sanatorien in Hedemünden und in Tiefenbrunn bei Göttingen. Er konnte dennoch sein Studium abschließen und bestand 1910 in Berlin das Examen zum Regierungsbauführer. 1914 wurde er zum Regierungsbaumeister befördert. Als Anhänger der anthroposophischen Bewegung war er im Februar und März desselben Jahres am Bau des nach Plänen von Rudolf Steiner errichteten Goetheaneum in Dornach bei Basel beteiligt. Er begann nun auch, Zeichnungen und Aquarelle zu fertigen.

Paul Goesch - Selbstporträt

Selbstporträt
undatiert, Deckfarben über Bleistift auf Papier, 16,5 x 20,6 cm, Sammlung Prinzhorn

Von 1915 bis 1917 war Paul Goesch als Regierungsbaumeister in Culm an der Weichsel (heute Chełmno nad Wisłą) tätig. Hier erkrankte er schwer. Er litt an Schizophrenie und wurde in der Heilanstalt in der Nachbarstadt Schwetz (Świecie nad Wisłą) behandelt, wo er sich bis Herbst 1919 aufhielt und zahlreiche Bilder malte.

Nachdem er aus der Heilanstalt in Schwetz entlassen wurde, zog er zu seinem Vater nach Berlin und verkehrte dort in Künstlerkreisen. Er wurde unter anderem Mitglied der Novembergruppe und des Arbeitsrats für Kunst. Goesch erkrankte erneut und kam auf Dauer in die Heilanstalt Göttingen, die sein Schwager leitete. In dem Zimmer, das er bewohnte, sind Wandmalereien erhalten geblieben.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde sein Schwager als Anstaltsleiter abberufen und Paul Goesch 1934 in eine andere Anstalt im brandenburgischen Teupitz verlegt. Die Werke Paul Goeschs waren nach dem NS-Kunstverständnis “Entartete Kunst” und für eine 1937 organisierte Ausstellung wurden drei seiner Bilder in der Mannheimer Kunsthalle beschlagnahmt. 1938 stürzte Goesch in Teupitz und musste 1939 wochenlang im Rudolf-Virchow-Krankenhaus Berlin chirurgisch behandelt werden.

Im Rahmen des von der nationalsozialistischen Ideologie entwickelten und verwirklichten sogenannten Euthanasie-Programms fiel Paul Goesch der groß angelegten, unter dem Decknamen Aktion T4 durchgeführten, systematischen Ermordung von über 100000 psychisch kranken und behinderten Menschen während der NS-Zeit zum Opfer. Am 22.08.1940 wurde Paul Goesch durch Vergasung im alten Zuchthaus Brandenburg ermordet. Eine Arbeitsgruppe der Universität Heidelberg hat vor einigen Jahren ermittelt, dass der in vielen Publikationen zu findende Todesort Hartheim bei Linz in Oberösterreich nicht zutreffend ist.

Wandgemälde Paul Goesch

Wandgemälde (fantastisches Triumphtor) undatiert, Bleistift und Wasserfarben auf Papier, 45,8 x 57,6 cm, Sammlung Prinzhorn

Von Paul Goesch sind Hunderte von Werken erhalten geblieben, die sich im Besitz verschiedener Einrichtungen befinden. Bereits in den zwanziger Jahren nahm Goesch an verschiedenen Ausstellungen in Berlin teil. In der Nachkriegszeit wurden Werke des Künstlers unter anderem in Berlin, Mannheim, Heidelberg und Los Angeles gezeigt.

Die Sammlung Prinzhorn der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg verfügt über 19 Blätter und ein Skizzenbuch aus der Heilanstalt Schwetz.

Der obige Lebenslauf Paul Goeschs beruht auf Informationen, die Frau Sabine Mechler von der Sammlung Prinzhorn (im Jahr 2005) freundlicherweise zusammengestellt hat, sowie den Angaben über den Künstler auf der Website http://www.abcd-artbrut.org. Das Foto Paul Goeschs sowie die Reproduktionen seiner auf dieser Seite abgebildeten Werke wurden ebenfalls von der Sammlung Prinzhorn zur Verfügung gestellt.

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags im Jahr 2005]

Schwetz an der Weichsel – Verlegung der Altstadt im 19. Jahrhundert

Der Teil von Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą), den man heute als Altstadt wahrnimmt, ist relativ jung, weil er erst infolge einer vollständigen Verlegung der Stadt im 19. Jahrhundert entstanden ist.

Am ursprünglichen Standort, einer seit dem 13. Jahrhundert besiedelten feuchten Niederung, der bei hohem Wasserstand des Flüsschens Schwarzwasser und der unweit gelegenen Weichsel ständig Überschwemmungen drohten, war das Leben für die Einwohner zur Qual geworden. So starben in den Jahren 1831 bis 1848 viele Menschen an der Cholera.

Schwetz an der Weichsel

Deshalb trug man sich schon im frühen 19. Jahrhundert mit dem Gedanken, sich auf einem nicht vom Hochwasser bedrohten Gelände nördlich des bisherigen Ortes niederzulassen. 1830 richtete man, nachdem drei Jahre in Folge schwere Hochwasser Schwetz heimgesucht hatten, eine entsprechende Eingabe an den preußischen König. Weitere Überschwemmungen wurden in den Jahren 1837, 1841, 1844 und 1845 verzeichnet. Die Regierung gestattete jedoch erst 1857 die Verlegung, die ein Jahr später begann und erst 27 Jahre später abgeschlossen war.

König Wilhelm I. stellte Schwetz zunächst 20.000 Taler zur Verfügung, aber erst 1874, als die preußische Regierung der Stadt ein Darlehen in Höhe von 108.000 Mark gewährte, wurde das Großvorhaben beschleunigt. Dazu trugen auch weitere 90.000 Mark bei, die in Form von Bauprämien ausgezahlt wurden. Diese Prämien wurden Bürgern gewährt, die ihr altes Haus abrissen und ein ebenso großes in der neuen Stadt errichteten. Als Berechnungsgrundlage diente der Wert des bisherigen Hauses. Nach Abzug des Preises der nach dem Abbruch noch verwendbaren Baustoffe wurde dem Bauherrn ein Drittel des Hauswerts in Form dieses Zuschusses ausbezahlt.

Da ärmere Einwohner der Stadt trotz dieser Bauprämien aus eigener Kraft nicht in der Lage waren, sich neue Häuser zu bauen, wurden nach einem weiteren schweren Hochwasser im Frühjahr 1879 Spenden gesammelt, um diesen Menschen kostenlos Baugrundstücke zur Verfügung stellen zu können. Die Gesamtkosten der gesamten Umzugsmaßnahmen sollen rund 650.000 Mark betragen haben.

Im frühen 20. Jahrhundert wohnte bereits die gesamte Bevölkerung in der neuen Stadt. Markanteste Punkte der alten Stadt sind heute die Ruine der Deutschordensburg aus dem 14. Jahrhundert und die Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt und in den achtziger Jahren instand gesetzt wurde.

Ansonsten erinnert nur noch wenig an das “alte” Schwetz, weil sich im einstigen Stadtgebiet heute vor allem Kleingärten und vereinzelte Häuser aus neuerer Zeit befinden.

Quellen:

  • Wacław Wojciechowski, Świecie Pomorskie niegdyś a dzisiaj, Grudziądz 1912
  • Website der Stadtverwaltung Świecie

Ergänzung vom 11. Juli 2012:

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags ist am 12.01.2008 erfolgt. Vor einigen Tagen habe ich in der Elbinger Digitalbibliothek (Elbląska Biblioteka Cyfrowa) eine knapp 100 Seiten starke und sehr detaillierte Darstellung mit dem Titel “Die Verlegung der Stadt Schwetz aus der Weichselniederung auf die Höhen am linken Schwarzwasserufer (1830-1885)” aus dem Jahr 1908, verfasst von Dr. Gustav Kötz, entdeckt. Zwar habe ich diese Quelle noch nicht in den vorstehenden Beitrag einfließen lassen können, möchte aber wegen der ausführlichen und zeitnahen Darstellung des “Umzugs” der Altstadt von Schwetz durch Dr. Kötz gleich auf dieses Werk hinweisen.

Interessant ist auch ein dieser Publikation beigefügter “Situations-Plan der Stadt Schwetz”, gezeichnet vom Deichinspektor Westphal aus Culm am 3. September 1830 nach einer älteren Karte des Artillerie-Leutnants Pippow vom Mai 1810. So lässt sich die Lage und Gliederung der “alten” Altstadt von Schwetz gut nachvollziehen. Im Kleinformat habe ich diesen “Situations-Plan” in den Artikel eingefügt. Durch Klick auf die Abbildung oder diesen Link können Sie eine größere Ansicht aufrufen.

Großer Markt in Schwetz (Świecie) nach Modernisierung 2012

Der Große Markt (Duży Rynek) in Schwetz am der Weichsel (Świecie nad Wisłą) ist im Frühjahr 2012 grundlegend modernisiert und umgestaltet worden. Die folgenden Aufnahme stammen vom 11. Mai dieses Jahres.

Das letzte Foto zeigt im Hintergrund ein markantes Gebäude aus hellen Ziegelsteinen mit einem Uhrenturm. Es handelt sich um das ehemalige Rathaus aus dem Jahr 1879, in dem heute das Standesamt untergebracht ist.

Świecie nad Wisłą - Markt 2012

Świecie nad Wisłą - Markt 2012

Świecie nad Wisłą - Markt 2012

 

Aktion T4 – Ermordung von Patienten der Psychiatrischen Anstalt Schwetz (Świecie)

Ein tragisches Schicksal nahmen im Herbst 1939 nach der Besetzung Polens durch das nationalsozialistische Deutschland die damaligen Patienten der 1855 gegründeten und bis heute bestehenden Psychiatrischen Anstalt in Schwetz (Świecie), die im Rahmen der sogenannten Aktion T4 ermordet worden sind. Es wird geschätzt, dass in den besetzten Gebieten Polens nach Kriegsbeginn innerhalb weniger Monate 10000 bis 15000 psychisch kranke Menschen systematisch getötet wurden[1]. Vom 10. bis zum 17. September 1939 wurden von den 1200 Patienten der Psychiatrischen Anstalt in Schwetz rund 1000 in Wäldern im Kreisgebiet erschossen. Bewohner umliegender Dörfer wurden gezwungen, vor Ort Massengräber auszuheben. Bekannt ist, dass die Morde von einer 30 Mann starken Einheit des volksdeutschen Selbstschutzes unter dem Kommando des Schwetzer Brauereibesitzers Rost begangen worden sind. Auch SS-Männer des Wachsturmbanns Kurt Eimann waren an dem Massenmord beteiligt. Unter den Opfern aus der Schwetzer Anstalt befanden sich 120 Kinder.[2]
Das Oberste Nationaltribunal Polens, vor dem sich der Gauleiter von Danzig-Westpreußen Albert Forster nach dem Krieg wegen seiner Verbrechen verantworten musste, befasste sich unter anderem mit der Umsetzung des sogenannten Euthanasieprogramms im westpreußischen Raum. In diesem Zusammenhang wurde Aleksander Zielonka, der während der fraglichen Zeit Pfleger in der Psychiatrischen Anstalt Schwetz war, als Zeuge vernommen. Er sagte über die “Liquidation” dieses Krankenhauses Folgendes aus:

Vorsitzende des Tribunals: Wie verlief diese Liquidation?
Zeuge Aleksander Zielonka: In die Anstalt für psychisch Kranke kam damals ein gewisser deutscher Arzt, aus Hamburg, wie man sagte, um die Liquidation der Anstalt durchzuführen. Seinen Namen kannte ich nicht. Sein Nachfolger war Dr. Neber. Tag für Tag kamen Lastkraftwagen zur Anstalt gefahren. Auf einen wurden jeweils sechzig Kranke geladen. Es kamen mindestens zwei Fahrzeuge. Sie wurden irgendwo in die Gegend von Jeżewo gebracht und dort am Wald erschossen. Von einem SS-Mann, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, habe ich erfahren, dass sie deshalb erschossen wurden, weil sie eine Last für das Deutsche Reich waren. Die Liquidation dauerte etwa fünf, sechs Tage. Die übrigen Kranken, es waren 350 bis 370, wurden nach Kocborowo transportiert, wo sie auch erschossen wurden. Aus dem Munde eines Deutschen, der ein gutes Verhältnis mit den Polen unterhielt und für ein Gläschen Wodka viel erzählte, habe ich vom Verlauf der Exekution erfahren, bei der dieser Deutsche anwesend war. Er erzählte, dass aus dem Fahrzeug jeweils drei Kranke geführt wurden und im Bereich des Hinterkopfs erschossen wurden.
Danach wurde mit der Liquidation des Kinderpavillons begonnen. Die Kinder haben sich gefreut, dass sie mit einem Auto fahren, derweil wurden sie erschossen. Die Kinder wurden auf folgende Weise ermordet. Erst wurden sie alle auf eine Wiese gelassen und anschließend wurde auf sie geschossen wie beim Scheibenschießen.

Vorsitzende: Waren es viele Kinder?
Zeuge: Mehr als hundert.

Vorsitzende: Und alle wurden mit einem Transport weggebracht?
Zeuge: Ja, mit zwei Fahrzeugen.

Vorsitzende: Fand die Exekution an demselben Ort statt?
Zeuge: Ja, in Jeżewo.

Vorsitzende: In welchem Alter waren diese Kinder?
Zeuge: Im Alter von viereinhalb bis fünf Jahren.

Vorsitzende: Diese Kinder wurden also weggebracht und später wurde eine Jagd auf sie veranstaltet. Von wem haben Sie das erfahren?
Zeuge: Vom SA-Mann Treptow, der an dieser Exekution teilgenommen hat.

Vorsitzende: Hat Ihnen einer der SA-Männer erzählt beziehungsweise wissen Sie, auf wessen Anordnung die Vernichtung der geistig Kranken erfolgt ist?
Zeuge: Man sagte mir, dass man eine solche Anordnung aus Danzig (Gdańsk) erhalten habe.

Vorsitzende: Sind die polnischen Ärzte im Krankenhaus verblieben?
Zeuge: Sie blieben noch einen Monat lang, später kamen sie unter Hausarrest. Der Direktor der Anstalt wurde in unbekannte Richtung verschleppt. Man sagte, dass er getötet worden sei. Anderen Ärzten ist es gelungen zu flüchten.[3]

Quellen:
[1] Schenk, Dieter: Albert Forster gdański namiestnik Hitlera, Gdańsk 2002, S. 262
[2] Gut, Agata: Eutanazja – ukryte ludobójstwo pacjentów szpitali psychiatrycznych w Kraju Warty i na Pomorzu w latach 1939-1945, Website des Instituts des Nationalen Gedenkens www.ipn.gov.pl (03.04.2008)
[3] Podgóreczny, Marian: Albert Forster – gauleiter i oskarżony, Gdańsk 1977, S. 306 f

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 03.04.2008]

NS-Verbrechen am 8. Oktober 1939 in Schwetz (Świecie)

Am Culm gegenüberliegenden, westlichen Weichselufer erstreckt sich die Kreisstadt Schwetz (poln. Świecie), die 1938 von 8513 Menschen bewohnt wurde. Der Anteil der deutschstämmigen Bevölkerung in der Stadt betrug im Jahr 1934 6,5%. Im gesamten Kreisgebiet lebten fünf Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 70620 Personen polnischer Nationalität, 13691 waren deutscher Herkunft und 211 jüdischen Glaubens[1]. In den Vorkriegsjahren entwickelte sich im Kreis Schwetz eine Ortsgruppe der NSDAP, die im Juli 1937 51 Mitglieder zählte. An Parteiveranstaltungen nahmen im Frühjahr 1938 über 100 Personen teil[2].

Ähnlich wie in Culm vollzog sich auch in Schwetz nach der Einnahme des Kreisgebiets durch die Wehrmacht Anfang September 1939 rasch der Aufbau des nationalsozialistischen Machtapparats. Von den Besatzern durchgeführte Verhaftungen und Erschießungen von Teilen der einheimischen, polnischen und jüdischen, Bevölkerung sind als prägende Vorgänge während der ersten Monaten der Besatzung nach dem Krieg eingehend untersucht worden. Besonders bemerkenswert ist ein schriftlicher Zeugenbericht über einen Massenmord auf dem jüdischen Friedhof von Schwetz am 8. Oktober 1939. Bemerkenswert deshalb, weil er vom Kompanieführer der 3. Kompanie der Krankentransport-Abteilung 581 der deutschen Wehrmacht stammt, die in dieser Zeit in Schwetz stationiert war, und an Hitler gerichtet ist. Das Dokument hat folgenden Inhalt:

An den obersten Befehlshaber der Wehrmacht und Führer des Deutschen Volkes Adolf Hitler. Auf dem militärischen Dienstwege! Ich melde: Am Sonntag, den 8. Oktober 1939 gegen 13 Uhr berichteten mir der Unteroffizier Kleegraf, Gefreiter Kluge sowie der Gefreite Roschinski im Beisein aller Kompanieoffiziere (Stabsarzt Dr. Frenz, Stabsarzt Dr. Witte, Stabsarzt Dr. Bertram, Assistenzarzt Dr. Jürgens, Assistenzarzt Dr. Laarmann, Unterarzt Strausberg) was folgt: Sie seien am Sonntag, den 8 Okt. gegen 9.30 Uhr etwa 150 Wehrmachtskameraden auf dem Judenfriedhof in Schwetz Augenzeugen der standrechtlichen Erschiessung von etwa 20-30 Polen gewesen. Die Exekution sei ausgeführt worden von einer Abteilung, bestehend aus einem Angehörigen der Schutzstaffel, zwei Männern in alter blauer Schupouniform und einem Mann in Zivilkleidern. Die Aufsicht habe ein Sturmbannführer der Schutzstaffel geführt. Es seien bei der Exekution auch 5-6 Kinder im Alter von etwa 2-8 Jahren erschossen worden. Die Obengenannten sind bereit, ihre Aussagen zu beeiden, gez. Dr. Möller, Oberstabsarzt der Reserve und Kompanieführer[3]

Einen genauen Eindruck von diesem Massenmord vermittelt die Schilderung des in der Meldung genannten Gefreiten Kluge:

Am Samstag den 7.10.1939 hörte ich bei einem Rundgang durch die Stadt bei Gesprächen unter Kameraden, daß am Vormittag auf dem Judenfriedhof in Schw. eine größere Zahl Polen erschossen worden seien; und daß am Sonntagmorgen nochmals eine Erschießung stattfinden sollte. Das Gespräch über die bevorstehende Erschießung war unter den in Schw. untergebrachten Soldaten allgemein. Infolgedessen begab ich mich am Sonntagmorgen mit dem größten Teil meiner Kameraden zum Judenfriedhof, wo wir bis 9 Uhr erstmals vergebens warteten. Wir wollten uns schon wieder in unsere Quartiere begeben, als ein größerer Autobus, beladen mit Frauen und Kindern, zum Friedhof hineinfuhr. Wir gingen nun wieder zum Friedhof zurück. Wir sahen dann, wie eine Gruppe von einer Frau und drei Kindern, die Kinder im Alter von etwa drei bis acht Jahren, von dem Omnibus zu einem ausgeschaufelten Grab von 8 m Breite und 8 m Länge hingeführt wurden. Die Frau mußte in dieses Grab hinabsteigen und nahm dabei ihr jüngstes Kind auf dem Arm mit. Die beiden anderen Kinder wurden ihr von zwei Männern des Ex. Kdos. gereicht. Die Frau mußte sich bäuchlings, d.h. mit dem Gesicht zur Erde, flach ins Grab legen, ihre drei Kinder zur Linken in derselben Weise angereiht. – Danach stiegen vier Mann ebenfalls in das Grab, legten ihre Gewehre so an, daß die Mündungen etwa 30 cm vom Genick entfernt waren, und erschossen auf diese Weise die Frau mit ihren drei Kindern. Ich wurde dann aufgefordert v. d. aufs. führenden St. Bannf., mit zuschaufeln zu helfen. Ich kam diesem Befehl nach und konnte daher aus nächster Nähe jedes Mal sehen, wie die nächsten Gruppen Frauen und Kinder in derselben Weise erschossen wurden. Im ganzen 9-10 Frauen und Kinder, jedesmal zu vieren in demselben Massengrab. Der Erschießung sahen in einer Entfernung von ca. 30 m etwa 200 Soldaten der Wehrmacht zu. Etwas später kam ein zweiter Omnibus mit Männern auf den Friedhof gefahren, darunter befand sich noch eine Frau. Diese Männer mußten in das Grab, in dem die frischen Leichen nur notdürftig mit Sand zugestreut lagen, steigen, sich bäuchlings der Länge nach hinlegen, wo sie dann von den vier Männern des Kds. durch Genickschuß erledigt wurden. Im ganzen wurden an diesem Morgen etwa 28 Frauen, 25 Männer und 10 Kinder im Alter von 3-8 Jahren erschossen.[4]

Die Exekutionen werden der SS unter Befehl der Sturmbannführer Meier und Tietzmann zugeschrieben[5]. Am 7. Oktober, den der Gefreite Kluge zu Beginn seiner Schilderung erwähnt, waren über 20 jüdische Personen, die zuvor im Gefängnis beim Gericht festgehalten worden waren, von SS- und SA-Angehörigen durch die Straßen der Altstadt zum jüdischen Friedhof getrieben worden, der sich an der ul. Polna befand. Nachdem die Gefangenen gezwungen worden waren, ihr eigenes, zweieinhalb Meter breites und zwei Meter tiefes, Grab mit einer Länge von 17 Metern auszuheben, mussten sich jeweils vier Personen in das Grab hineinlegen und wurden erschossen. An dieser Hinrichtung, die von Soldaten der Wehrmacht beobachtet wurde, nahm neben den Deutschen in SS- und SA-Uniformen auf Anordnung eines SS-Offiziers auch ein Wehrmachtsangehöriger teil. Der Soldat Fritz Brauner bestätigte am 9. Februar 1946 in seiner Aussage vor einem Gericht in Recklinghausen, dass er dabei vier Menschen tötete. Die übrigen Soldaten weigerten sich, an der Exekution teilzunehmen, teilweise sollen sie offen ihre Empörung geäußert haben[6].

Angesichts der Erschießung der Kinder war der verbrecherische Charakter der Tat mehr als offensichtlich. Das Propagandagetöse, mit dem in den besetzten Gebieten Polens kaltblütige Morde an der einheimischen Bevölkerung oftmals als gerechte Bestrafung für vermeintliche Gewaltakte gegenüber Deutschen dargestellt wurden, musste spätestens an diesem Tag bei den zuschauenden Wehrmachtssoldaten in Schwetz im Nichts verhallen. Zu mehr als einem Protestschreiben, nachdem man sich das sonntägliche Schauspiel unter aktiver Teilnahme eines Kameraden hatte bieten lassen, waren die Soldaten dieser Einheit jedoch nicht bereit.

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Quellen:
[1] Wojciechowski, Mieczysław: Świecie w latach 1939-1945 (Schwetz in den Jahren 1939-1945), in: Miasta Pomorza Nadwiślańskiego i Kujaw w okresie I wojny światowej oraz w międzywojennym dwudziestoleciu (1914-1939). Zbiór studiów. Wydawnictwo Uniwersytetu Mikołaja Kopernika, Toruń 2000, S. 148 f.
[2] Wojciechowski, Świecie w latach 1920-1939, S. 188 f.
[3] Dieses Dokument wird mit Erläuterungen wiedergegeben in Bojarksa, Barbara: Zbrodnie niemieckie na terenie powiatu Świecie nad Wisłą (Deutsche Verbrechen auf dem Gebiet des Kreises Schwetz an der Weichsel), in: Przegląd Zachodni, Band 21 (1965); S. 96-118, S. 109
[4] Die Aussage Kluges wird im Wortlaut dargestellt in Madajczyk, Czesław: Die Okkupationspolitik Nazideutschlands in Polen 1939-1945, Pahl-Rugenstein Verlag; Köln 1988, S. 15 f; Die Meldung der 3. Kompanie des Armeekrankentransports 581 lag dem Oberkommando des Heeres am 11. Oktober 1939 vor.
[5] Madajczyk, S. 15
[6] Bojarksa, Zbrodnie niemieckie …, S. 108 f

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 26.11.2004]

Frédéric Chopin in Schwetz

Der Komponist Frédéric (Fryderyk) Chopin, 1810 in Żelazowa Wola rund 50 km westlich von Warschau geboren, gilt als bedeutendste Persönlichkeit der polnischen Musikgeschichte. Bevor er 1830 sein Heimatland für immer verließ, studierte er von 1826 bis 1829 in Warschau bei Józef Elsner. In diesen Jahren unternahm Chopin viele Reisen und begab sich auch zum ersten Mal ins Ausland. Wie über so viele Aspekte seines Lebens liegen auch über diesen Zeitraum keine vollständigen Überlieferungen vor, die eine lückenlose Beschreibung seiner Aufenthaltsorte erlauben. Sehr wahrscheinlich ist es, dass er 1827 für kurze Zeit die Region Culm – Schwetz besucht und im Gutshof der Familie Zboiński in Koslowo (poln. Kozłowo) während einer Reise nach Danzig eine Zwischenstation eingelegt hat.

Koslowo war ein kleines Dorf südwestlich von Schwetz und ist heute ein Teil der Stadt. Der Gutshof ist 1910 abgebrannt, erhalten sind nur zwei Nebengebäude. An den Besuch des Komponisten erinnert eine Gedenktafel mit der Inschrift “Zur Erinnerung an den Aufenthalt Frédéric Chopins in Koslowo und Schwetz im Sommer 1985″, die am 27. November 1985 vom Schwetzer Ortsverein des Polnischen Verbands für Touristik und Landeskunde (PTTK) auf einem Findling in der Nähe des früheren Gutshofs angebracht wurde.

Dass es diesen Besuch gegeben hat, ist sehr wahrscheinlich. In einem in Kowalewo bei Płock verfassten Brief an seine Eltern beschreibt Chopin, dass ihn eine Reise über Turzno nordöstlich von Thorn (Toruń) und Koslowo bei Schwetz bis nach Danzig führen wird. Zweifel bestehen jedoch daran, ob er diese im Jahr 1825 unternahm. Der genannte Brief ist nämlich beschädigt und trägt kein Datum. Professor Andrzej Bukowski geht in einem 1987 veröffentlichten Artikel davon aus, dass der Brief nicht aus dem Jahr 1825 stammt, sondern zwei Jahre später verfasst wurde. Bukowski hat festgestellt, dass der 17-jährige Chopin Teil einer Reisegesellschaft war, die im August 1827 im Danziger Hotel Drei Mohren Quartier nahm. Zu dieser gehörte, wie es das Intelligenz-Blatt für den Bezirk der Königlichen Regierung zu Danzig vermeldete, unter anderem Graf Zboiński aus Koslowo. Bukowski nimmt an, dass Chopin vom 10. bis 15. und vom 21. bis 25. August in Danzig war. Dazwischen, vom 16. bis 20. August, hielt er sich auf dem Gut des Grafen Sierakowski in Großwaplitz (poln. Waplewo Wielkie) östlich von Stuhm (poln. Sztum) auf.
Daraus folgt, dass die von Chopin seinen Eltern angekündigte Reise tatsächlich stattgefunden hat. Von Turzno aus führte die Fahrt mit der Kutsche sicherlich über Culmsee (Chełmża) bis nach Culm (Chełmno), um dort die Weichsel zu überqueren. In Koslowo bei Schwetz war Chopin wahrscheinlich vom 4. bis 8. August 1827, um dann mit seinem Gastgeber, dem Grafen Zboiński, den er schon in Kowalewo getroffen haben dürfte, nach Danzig weiterzureisen. Möglich ist, dass er auch auf der Rückreise hier Station machte. Ob der junge Komponist den August 1827 tatsächlich so verbracht hat, ist nicht vollkommen gesichert. Unklar ist nämlich, mit wem Chopin wieder zurück ins zum russischen Teilungsgebiet gehörende Kowalewo und dann weiter nach Warschau gereist ist. Als Minderjähriger konnte Chopin die russisch-preußische Grenze nämlich eigentlich nur in Begleitung eines Erwachsenen überqueren, in dessen Pass er eingetragen war. Dazu fehlen bisher nähere Angaben.

Graf Ksawery Zboiński war mit den Eltern Chopins befreundet. Sie wählten ihn als Taufpaten für ihre Tochter Emilia aus. 1795 in Koslowo geboren, erbte Ksawery Zboiński das väterliche Gut, zu dem insgesamt 4855 ha Land gehörten. Hier soll er auch vornehmlich gewohnt haben. Nach dem gescheiterten Novemberaufstand 1830 geht er in die Emigration nach Krakau. Anfang 1848 nimmt er an einer militärischen Erhebung gegen die preußische Regierung teil, die er mit 40000 Talern und einer 40 Mann starken Einheit unterstützt. Er wurde festgenommen und in Graudenz (Grudziądz) sowie Pillau inhaftiert. Ksawery Zboiński starb 1853 in Koslowo, vier Jahre nach dem frühen Tod Frédéric Chopins.

Quellen:
Andrzej Bukowski, Chopin w Kozłowie, Kociewski Magazyn Regionalny nr 3, Tczew 1987
Jan. A. Kamiński, W Kozłowie Chopin grał mazurki, Kociewski Magazyn Regionalny nr 1, Tczew 1986
Piotr Mysłakowski, Andrzej Sikorski: Ksawery Zboiński (1795-1853), veröffentlicht im Juni 2006 auf der Website des Narodowy Instytut Fryderyka Chopina

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 13.01.2008]