Unabhängigkeitsdenkmal

Unabhängigkeitsdenkmal in Chełmno

Foto: 17.10.2015

Der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit im Jahr 1918 wird in Polen am 11. November, einem gesetzlichen Feiertag, gedacht. An dieses Ereignis vor nunmehr 90 Jahren* erinnert in Chełmno (Culm) ein Unabhängigkeitsdenkmal, das vor genau zehn Jahren errichtet worden ist. Es liegt weit weg von anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt unmittelbar an der verkehrsreichen Landesstraße Nr. 1 nördlich des Betriebsgeländes der Polstermöbelfabrik Helvetia. Das Denkmal wird gebildet von einer 135 cm hohen und 80 cm breiten Bronzetafel, die an einer 280 cm hohen und 600 cm breiten Mauer aus hellen Ziegeln angebracht ist, und es steht am Ende einer mit Kies versehenen Fläche unmittelbar vor dem Werkszaun.

Die für ein derartiges Denkmal ungünstige und eigentlich unangemessene Lage ist eine Folge der Vorgeschichte dieser Stelle, die bereits zu preußischer Zeit mit einem (deutsch-)nationalen Symbol besetzt worden war. Damals gab es weder die Fabrik noch die Fernstraße, die beide erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. An diesem erhöht gelegenen Ort wurde 1909 auf freiem Feld ein Bismarckturm gebaut, der kurz nach der Unabhängigkeit Polens als Symbol deutscher Herrschaft abgetragen wurde. An seine Stelle sollte nun, vielleicht in Anlehnung an den bekannten Kościuszko-Hügel und weitere derartige Objekte bei Kraków (Krakau), ein weithin sichtbarer Freiheitshügel treten. Mit seiner Aufschüttung begann man im Rahmen groß angelegter Feierlichkeiten unter Anwesenheit aller wichtigen örtlichen Würdenträger am 3. Mai 1921, dem 130. Jahrestag der Verabschiedung der Verfassung von 1791. Der Landrat Dr. Paweł Ossowski wandte sich mit folgendem Appell an die Bevölkerung:

Einwohner des Culmer Kreises! Wo ein solcher Hügel aufgeschüttet wird, dürfen unsere helfenden Hände nicht fehlen! Werfen wir Erde aus dem gesamten Kreis Culm auf, unsere polnische Erde, freie Erde, aus allen unseren Gemeinden, aus allen Ortschaften des Kreises!

Unabhängigkeitsdenkmal in Chełmno 11.11.2017

Foto: 11.11.2017

Obwohl sich die Menschen anfänglich noch mit Elan an diesem Projekt beteiligten, konnte der Freiheitshügel nie vollendet werden. 1933 wandte sich eine Gruppe Culmer Bürger sogar mit dem ausdrücklichen Antrag, für eine vollständige Aufschüttung zu sorgen, an den Magistrat, jedoch wurden von amtlicher Stelle keine weiteren Schritte unternommen. Mittlerweile hatte auch das seit 1925 in der Stadtmitte gelegene Grab des unbekannten Soldaten die Funktion des Veranstaltungsortes für offizielle Feiern übernommen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gelände von den deutschen Besatzern planiert und als Truppenübungsplatz genutzt.

Erst kurz vor der Wende, nämlich 1988, begründete Jerzy Kałdowski, der damalige Direktor des Museums des Culmer Landes, eine Initiative, die sich zum Ziel setzte, an der Stelle des einstigen Freiheitshügels ein Unabhängigkeitsdenkmal zu errichten. Zunächst plante man ein Monument und ließ zwei unterschiedliche Entwürfe vorbereiten, konnte aber mangels ausreichender Spenden nur den Guss einer Bronzetafel mit folgender Inschrift in Auftrag geben:

1918-1920
Zur Erinnerung an den 70. Jahrestag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit durch Polen und den 68. Jahrestag der Befreiung Culms von der preußischen Herrschaft.

Die Einwohnerschaft Culms
1988

An der Stelle des Freiheitshügels vom 3. Mai 1921

Ganz unten befindet sich noch folgende Inschrift, die ein Fragment eines von Jerzy Kałdowski verfassten Liedes darstellt:

Sei gegrüßt, unabhängiges Vaterland, sei gegrüßt –
unsere heiligste Republik!

Zur Entstehung des Denkmals kam es vor der Wende nicht mehr. Die Bronzetafel wurde zehn Jahre lang im städtischen Museum verwahrt. 1998 bot sich angesichts des „runden“ Unabhängigkeitstags die Gelegenheit, das Unabhängigkeitsdenkmal zu vollenden. Entgegen den ursprünglichen Entwürfen, die den Einsatz eines Findlings vorsahen, errichtete man eine fünfteilige Ziegelmauer (übrigens nicht exakt an der Stelle des Freiheitshügels) und befestigte an ihr die Bronzetafel. Im Rahmen einer Feierstunde wurde das Unabhängigkeitsdenkmal am 10. November 1998 feierlich enthüllt.

Unabhängigkeitsdenkmal in Chełmno 11.11.2017

Foto: 11.11.2017

Quellen:

  • Anna Soborska-Zielińska, Pomnik Niepodległości, in: Chełmińskie pomniki i tablice pamiątkowe, Chełmno 2001, S. 205 ff
  • Anna Soborska-Zielińska, Kopiec Wolności, in: Chełmińskie pomniki i tablice pamiątkowe, Chełmno 2001, S. 26 ff


[*Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 08.11.2008; mit neueren Fotos ergänzt am 09.01.2021]

Klamry – Gedenkstätte für NS-Verbrechen

Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann kein gewöhnlicher Krieg. Es ging dem Aggressor nicht nur um die Durchsetzung von Gebietsansprüchen oder die militärische Niederringung des Gegners. Vielmehr sollte ein ganzer Staat von der Landkarte verschwinden, so wie es bis zur Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit am Ende des Ersten Weltkriegs über ein Jahrhundert lang der Fall gewesen war. Nach Vorstellung der Nationalsozialisten sollten so rasch wie möglich unumkehrbare Fakten geschaffen werden. Dazu gehörte es, die polnische Führungsschicht im wahrsten Sinne des Wortes zu beseitigen, also alle diejenigen Polen, die sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Funktionen während der Teilungszeit für die Unabhängigkeit ihrer Nation eingesetzt und ab 1918 am Aufbau und der Festigung des Bestands des jungen polnischen Staates beteiligt hatten. Diese potenziellen Widerstandskämpfer sollten gezielt gefangen genommen und getötet werden.

Gedenkstätte im Wald bei Klamry am 17.10.2015

So folgten den in Polen einrückenden deutschen Armeen der Wehrmacht Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD. Auch in dem von den Besatzern schon bald Reichsgau Danzig-Westpreußen genannten Teil Polens begannen sie, auf der Grundlage der nationalsozialistischen, rassistisch geprägten Weltanschauung die jüdische Bevölkerung, psychisch Kranke und Behinderte sowie einen erheblichen Teil der polnischen Elite zu ermorden. Zur Führungsschicht zählten die deutschen Besatzer unter anderem Priester, Lehrer, Beamte, Offiziere, Ärzte, Juristen, Großkaufleute, Handwerker und Gutsbesitzer, aber auch andere Personen, die sich in patriotisch ausgerichteten Organisationen betätigt hatten. Man schätzt, dass zehntausende Polen diesem auch „Intelligenz-Aktion“ genannten organisierten Massenmord zum Opfer fielen.

An der „Intelligenz-Aktion“ waren nicht nur aus dem Reich stammende Deutsche als Angehörige des SS- und Polizeiapparats oder der Wehrmacht beteiligt, sondern auch viele Einheimische, nämlich „waffenfähige volksdeutsche Männer“ im Alter von 17 bis 45 Jahren, die sich dem Mitte September 1939 gegründeten „Volksdeutschen Selbstschutz“ angeschlossen hatten. Die Autoren einer detaillierten Studie über diesen von Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen gebildeten paramilitärischen Verband, der direkt der SS unterstellt war, haben seine Funktion zusammenfassend so beschrieben:

„Seine Aufgabe bestand offiziell darin, Volksdeutsche zu rekrutieren und zu organisieren, die später in SS und Polizei übernommen werden sollten, deutschen Besitz zu bewachen sowie polizeiliche Hilfsdienste bei SS- und Gestapo-„Aktionen“ zu leisten. Vielerorts verselbständigte sich die Miliz aber zu einer Organisation, in der deutschstämmige Polen als Rache für angebliche oder tatsächliche frühere Diskriminierungen, aus Rassenwahn oder auch nur aus purer Mordlust Verbrechen verübten. Darüber hinaus setzten die SS-Führer, Chefs der Zivilverwaltung und andere Instanzen der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft Selbstschutz-Angehörige als orts- und personenkundige Helfer und Denunzianten und als Mitglieder von Exekutionskommandos im Rahmen der Ausrottungsaktion gegen die polnische Intelligenz und die Juden ein.“

[aus: Christian Jansen / Arno Weckbecker, Der „Volksdeutsche Selbstschutz in Polen 1939/40, München 1992, S. 8]

Einen Überblick über die Ereignisse im Raum Kulm an der Weichsel, wie die Stadt Chełmno nad Wisłą unter deutscher Besatzung von 1939 bis 1945 hieß, finden Sie im 1997 verfassten Artikel Die nationalsozialistische Okkupation Kulms 1939-1945.

Die Fotos in diesem Beitrag zeigen die Gedenkstätte an der Stelle im Wald zwischen den Ortschaften Klamry (dt. Klammer) und Rybieniec (dt. Ribenz), an der im Herbst 1939, insbesondere in der Zeit vom 12. Oktober bis zum 11. November, von Deutschen begangene Massenhinrichtungen stattgefunden haben (Lage bei Google Maps).

Die Opfer stammten überwiegend aus der Region. Die zuvor Inhaftierten wurden mit Kraftfahrzeugen und Bussen unter der Bewachung von Mitgliedern des „Volksdeutschen Selbstschutzes“ in den rund sechs Kilometer östlich von Chełmno liegenden Wald gefahren und mit Maschinengewehren erschossen. An den Exekutionen sollen 20 Mitglieder des „Volksdeutschen Selbstschutzes“ sowie Angehörige von SS, Gestapo und Polizei beteiligt gewesen sein. Es gab drei Sammelgräber mit einer Länge von etwa sieben Metern, in denen die Opfer verscharrt wurden. Näheres ist nicht bekannt, denn im August und September 1944 wurden die Leichen von den Deutschen im Rahmen einer zweiwöchigen Aktion exhumiert und verbrannt, um Spuren zu verwischen. Zudem waren die Befehlswege innerhalb des „Volksdeutschen Selbstschutzes“ so gestaltet, dass keine schriftlichen Aufzeichnungen erstellt wurden. Eventuell vorhandene Dokumente wurden darüber hinaus später vernichtet. Es gibt daher keine bekannten Primärquellen über die Taten. Unter anderem aus diesem Grund ist die genaue Zahl der Opfer nicht feststellbar. In der Literatur ist von etwa 2000 Menschen die Rede, die im Wald bei Klamry ermordet worden sind. Laut der Inschrift auf dem Gedenkstein waren es sogar über 2500 Personen. Identifiziert werden konnte jedoch nur ein Bruchteil.

In jüngster Zeit hat die für die staatsanwaltschaftliche Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Polen zuständige Stelle des Instituts für Nationales Gedenken die im Wald bei Klamry begangenen Straftaten noch einmal untersucht und am 3. März 2014 die Ergebnisse ihrer Ermittlungen veröffentlicht. Man habe die Personalien von 87 getöteten Polen feststellen können. Die Historikerin Anna Soborska-Zielińska (Chełmińskie pomniki i tablice pamiątkowe, Chełmno 2001, S. 80-84) hat die Namen von 161 Opfern ermittelt.

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 31.10.2015]

Weichselbrücke

Weichselbrücke in Chełmno 2008Jahrhundertelang mussten Reisende die Weichsel bei Chełmno (Culm) mit Booten oder einer Fähre überqueren. Noch heute erkennt man am Flussufer die Zufahrtsstraße zur Fährstelle. In den Wintermonaten wurde, sofern die Eisschicht dick genug war, ein Weg über den Fluss ausgewiesen.

Erst 1945 wurde nach der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee eine eigentlich als Provisorium gedachte Holzbrücke errichtet, die bis Anfang 1963 Bestand hatte. 18 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie schließlich durch die seinerzeit längste Weichselbrücke abgelöst, die die Verkehrsanbindung der Region deutlich verbessert hat.

Der Abbruch der Holzbrücke fiel mit der Endphase des Baus der heute noch vorhandenen und 2007 aufwändig sanierten Brücke zusammen. Der Entwurf wurde von Büros in Warszawa (Warszawskie Biuro Studiów i Projektów Budownictwa Komunikacyjnego) und Zabrze (Przedsiębiorstwo Projektowo-Produkcyjne Konstrukcji Stalowych i Urządzeń Przemysłowych) erstellt.

Mit den Bauarbeiten wurde 1959 begonnen. Ausgeführt wurden sie von einem Brückenbauunternehmen aus Płock (Płockie Przedsiębiorstwo Robót Mostowych) unter der Leitung von Leon Jarząbek, das bis zu 150 Personen für diese Aufgabe einsetzte. Zunächst wurden Zufahrtsstraßen mit einer Länge von 4300 m geschaffen, die an den Brückenköpfen 12 m breite Aufschüttungen erforderlich machten. Die neue Brücke selbst hat eine Länge von 1062 m. Sie besitzt eine neun Meter breite Fahrbahn sowie an beiden Seiten Fußwege mit einer Breite von zwei Metern. Sie wurde am 22. Juli 1963 offiziell eröffnet.

Seit dem 7. September 2013 ist die Brücke nach Stanisław Skalski benannt.

Quelle:
Anna Grzeszna-Kozikowska, Jubileusz chełmińskiego mostu, Czas Chełmna 28.11.2008, S. 6

Landkreis Chełmno – polnisch-deutsches Ortsnamensverzeichnis 1922

Dr. Paweł Ossowski beschreibt in der gemeinsam mit Prof. Jan Tomasz Dziedzic verfassten Publikation Powiat i Miasto Chełmno (dt. Landkreis und Stadt Culm), herausgegeben 1923 in Chełmno, die Verwaltungsgliederung des Landkreises Chełmno im Zeitraum 22. Januar 1920 bis 1. Juli 1922. Demnach umfasst der Landkreis Chełmno, der seit 1920 zum jungen polnischen Staat gehört, in dieser Zeit neben der Stadt Chełmno 85 Dorfgemeinden und 60 Gutsbezirke.

Anhand einer in Tabellenform abgedruckten Aufstellung der Landgemeinden und Gutsbezirke im oben genannten Buch habe ich ein Ortsnamensverzeichnis als
PDF-Datei erstellt, und zwar sortiert nach den polnischen Ortsnamen und in einer zweiten Tabelle nach den deutschen Ortsnamen.

Sie können übrigens auch ein Ortsnamensverzeichnis aus dem Jahr 1879 nutzen.

Kreis Culm (Chełmno) – deutsche und polnische Ortsnamen im Jahr 1879

Kreis Culm (Chełmno) – deutsche und polnische Ortsnamen im Jahr 1879Die folgende Aufstellung enthält die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebräuchlichen deutschen und polnischen Bezeichnungen der im Kreis Culm (in den damaligen Grenzen, die sich von denen des heutigen Landkreises Chełmno unterscheiden) gelegenen Ortschaften. Erarbeitet wurde die Übersicht auf der Grundlage der 1879 von Dr. Wojciech Kętrzyński herausgegebenen Publikation Die polnischen Ortsnamen der Provinzen Preussen und Pommern und ihre deutschen Benennungen.

Die Aufstellung ist wie im Original (dort S. 61 bis 70) alphabetisch nach den deutschen Ortsnamen sortiert. Zusätze wie “Gr.” oder “Kl.” wurden bei der Sortierung nicht berücksichtigt.

KREIS CULM

Adamsdorf – Adamowo
Althausen – Starogród
Augustinken – Augustynowice oder Augustynki
Ober Ausmaas – Górne Wymiary
Nieder Ausmaas – Dolne Wymiary

Babieblotto – Babiebłoto
Bahrendorf – Niedźwiedź
Bartoszewitz – Bartoszewice
Battlewo – Watlewo
Baumgart – Bągart
Bendugen – Binduga
Beyersee – Bajerze
Bienkowko – Bieńkówka
Bilawe – Bielawy
Birckenhain – Pieńki
Błachta
Blandau – Błędowo
Blotto – Błoto
Blottobruch – Błoto
Gr. Bollumin – Bolimin
Kl. Bollumin – Boliminek
Borken – Borki
Borówno
Botschin – Bocień
Brosowo – Brzozowo
Brzezyn – Brzeziny
Bulsowka – Bulzówka

Cholewitz – Cholewice
Christkower Kämpe – Krostkowska Kępa
Cepno
Culm – Chełmno
Curtshohe – Dworzysko
Gr. Czappeln – Czaple
Kl. Czappeln – Czapelki
Czemlewo – Cząblewo
Czimberg – Cymbark
Gr. Czyste – Wielkie Czyste
Kl. Czyste – Małe Czyste

Damerau – Dąbrowa
Daszkowo
Dembie – Dęby
Dembowicz – Dębowiec
Dietrischdorf – Falęcin
Dolken – Dołki
Dombrowken – Dąbrówka
Dorposch – Dorposz
Drückenhof – Uciąż
Drzonowo
Dubielno
Działowo

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Entwicklung des Sozialfürsorgehauses der Barmherzigen Schwestern in Chełmno bis 1990

In der Klosteranlage im Nordwesten der Altstadt von Chełmno nad Wisłą (Culm an der Weichsel) betreibt die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul eine wichtige soziale Einrichtung, in der gegenwärtig bis zu 146 pflegebedürftige Menschen betreut werden. In der folgenden Zusammenfassung eines Auszugs aus einer 1998 von Joanna Derebecka-Prause verfassten Diplomarbeit wird die Entwicklung des Sozialfürsorgehauses bis 1990 im Überblick dargestellt.

1.           Geschichte der Kongregation der Barmherzigen Schwestern

A. Frankreich

Die Gründung der Kongregation der Barmherzigen Schwestern im 17. Jahrhundert ist auf den französischen Pfarrer Vinzenz von Paul zurückzuführen, der in die Geistesgeschichte Europas und der Kirche als Begründer gesellschaftlicher und karitativer Tätigkeit einging. Vinzenz von Paul wurde im Jahr 1581 in einer armen Bauernfamilie in Pouy (heutiger Name: Saint-Vincent-de-Paul) im südwestlichen Teil Frankreichs geboren. Die Erfahrungen der Not in seiner Jugendzeit prägten ihn. 1595 trat er ins Priesterseminar in Dax ein und fünf Jahre später wurde er Pfarrer. Nach der Priesterweihe im Jahre 1600 führte er seine theologischen Studien an der Universität Toulouse weiter. 1613 wurde er Lehrer der Söhne von Emanuel Filip de Gondi und Kaplan am Hofe der Königin Margarete de Valois.

Das dortige luxuriöse und sorglose Leben voller Vergnügungen führten ihn eine schwere geistige Krise, die ihn dazu zwang, den Hof der Gondis zu verlassen. Er nahm sodann seine gesellschaftliche Tätigkeit zugunsten der Armen auf und widmeten ihnen seine Energie, seine Erfahrungen und erworbenen Fähigkeiten. Hinsichtlich der fürsorglichen Liebe für die Armen unterschied er zwischen zwei Antrieben: Mitgefühl und Hilfe. Den Antrieb des Mitgefühls darf man aber nicht gleichsetzen mit Mitleid, es ging ihm vielmehr darum, auf der Seite der Armen zu stehen, ihr Sprachrohr zu sein, ihr Schicksal mit ihnen zu teilen[i]. Vinzenz von Paul versuchte, auf die Herrschenden Einfluss zu nehmen, damit sie sich der Probleme der Armen annehmen. Er wollte, dass den armen Menschen ihre Würde wiedergegeben wird.

1617 gründete er in Chatillon die „Bruderschaft und Frauengemeinschaft der Barmherzigkeit”, deren Aufgabe die umfassende Sorge für die Kranken und Armen war. Jede der der Gemeinschaft angehörenden Frauen musste an einem bestimmten Tag Kranke und Arme in ihren Häusern aufsuchen und ihnen Nahrung und notwendige Medikamente bringen[ii]. Die Tätigkeitsfelder erweiterten sich durch die Entstehung neuer Formen der Armut, des menschlichen Leids und der Not schnell. Hinzu kamen die Betreuung verstoßener und armer Kinder, das Schulwesen, die Berufsausbildung und auch die Hilfe für Alte und für Menschen, die durch Kriegseinwirkungen ihr Hab und Gut einbüßten[iii]. Im Jahre 1624 schloss sich Louise de Marillac, eine Pariser Aristokratin, Vinzenz von Paul an. Sie inspirierte und kontrollierte die Tätigkeit der Gesellschaft der Barmherzigen Frauen in Paris. Ihr gelang es, junge Mädchen um sich zu sammeln, die in Paris als Haushaltshilfe für Kranke beschäftigt wurden. Unter ihnen befand sich 1630 Margarete Naseua, die, sich vollkommen ihrer Arbeit für die Armen hingebend, zum „Grundstein” der späteren Vereinigung wurde. Ihr schlossen sich 1633 drei weitere Mädchen an, die ebenfalls Kranken helfen wollten. Sie bildeten eine Wohngemeinschaft mit Louise de Marillac, lebten und handelten nach gemeinsam aufgestellten Regeln. Am 29. November 1633 fand die erste offizielle Versammlung statt, die den Anfang der Kongregation der Barmherzigen Schwestern bildete.

Diese neue Vereinigung hatte nicht den Charakter eines typischen Schwesternordens. Vinzenz stellte die Regeln für die Barmherzigen Schwestern wie folgt vor: „Sie haben als Kloster die Wohnung der Armen, als Zelle ein Mietzimmer, als Kapelle die Pfarrkirche, als Kreuzgang die Straßen der Stadt und die Krankensäle, als Klausur den Gehorsam, als Gitter die Furcht Gottes und als Schleier die heiligste Einfalt und Demut und als Ordensschwur ihr unerschütterliches Vertrauen in die göttliche Vorsehung”[iv]. Vinzenz von Paul gelang es, in den Ordensregeln das tätige mit dem geistlichen Leben zu verbinden. Die Schwestern verpflichteten sich zu Armut, Reinheit, Gehorsam und dem Dienst am Nächsten. Dieses Ordensgelübde erneuern sie jedes Jahr am 25. März im Andenken an das erste Gelübde Louise de Marillacs vom 25. März 1634. Nach den Grundsätzen des Gründers sollen die Schwestern „gottesfürchtig leben, sorgfältig an ihrer eigenen Vollkommenheit arbeiten und dabei die Übungen des geistlichen Lebens mit den Pflichten der christlichen Nächstenliebe gegenüber den Armen verbinden sowie sich durch Demut, Einfachheit und Barmherzigkeit auszeichnen”[v].

Anfangs besaßen die „Grauen” (populäre Bezeichnung für die Kongregation) fünf Einrichtungen. Ihre Zahl wuchs systematisch, so dass es 1670 schon 60, im Jahre 1720 über 300 und am Ende des 18. Jahrhunderts 450 Einrichtungen gab. In der französischen Hauptstadt leiteten die Barmherzigen Schwestern die wichtigsten karitativen Einrichtungen, unter anderem das königliche Invalidenhotel, die königliche Armeeschule, ein Krankenhaus für unheilbar Kranke namens Petites-Maisons und Heime für Findelkinder[vi]. Gemäß den vom Ordensgründer aufgestellten Grundsätzen gehörten zu den Pflichten der Schwestern die Fürsorge für Waisenkinder sowie ihre Erziehung. Diese sollte in zwei Richtungen erfolgen, und zwar einerseits als eine moralisch-religiöse Erziehung und andererseits sollte sie Grundfertigkeiten vermitteln[vii]. Dazu gehörten nach Auffassung des heiligen Vinzenz von Paul das Lesen, Rechnen, Nähen sowie Sticken. Darüber hinaus legte er sehr großen Wert auf die Fähigkeit, einen Haushalt führen zu können.

Die Französische Revolution von 1789 setzte der fruchtbaren Tätigkeit der „Grauen” ein Ende. Die Schwestern wurden vertrieben, gefoltert, ins Gefängnis geworfen und sogar zum Tode verurteilt. Offiziell erlaubte erst Napoleon Bonaparte im Jahre 1800 wieder die Tätigkeit des Ordens. Das 19. Jahrhundert gilt als Phase der Entwicklung der Kongregation über die Grenzen Frankreichs hinaus.

B. Polen

Nach Polen gelangten die Barmherzigen Schwestern jedoch schon 1652 auf die ausdrückliche Bitte der Königin Maria Ludwika Gonzaga, der Gattin des Königs Jan Kazimierz. Die fünfziger Jahre des 17. Jahrhunderts waren in Polen von ständigen Kriegen gekennzeichnet: den Überfällen der Kosaken und Türken, der russischen und ungarischen Armee und auch dem Schwedeneinfall. Die Bevölkerung des Landes dezimierten in dieser Zeit zahlreiche Epidemien. Dieses hatte eine große Armut, eine hohe Sterblichkeitsrate und eine allgemein herrschende Gleichgültigkeit zur Folge.

Um diesen Erscheinungen durch karitatives Handeln entgegenzuwirken, holte die Königin die „Grauen” nach Polen und sicherte ihnen ihre volle materielle und moralische Unterstützung für ihr Wirken zu. Der Bitte der Königin folgend, sandte Vinzenz von Paul zunächst drei Schwestern nach Warschau: Madeleine Drugeon, Marguerite Moreau und Francoise Douelle. Die ersten Monate verbrachten sie bei der Königin in Łowicz, danach zogen sie jedoch nach Warschau um. Zu den Pflichten der Schwestern in der polnischen Hauptstadt gehörte die Unterbringung der von Seuchen betroffenen Armen im kleinen Krankenhaus „Heiliges Kreuz”, die Pflege der Kranken, die Erziehung von Waisen, die Verteilung der hauptsächlich von der Königin gespendeten Almosen sowie die Einrichtung von sanitären Anlagen. Darüber hinaus pflegten die „Grauen” zeitweise verwundete Soldaten[viii].

C. Culm / Chełmno

Die Schwestern führten ein heimatloses Leben. Sie zogen gewöhnlich mit dem königlichen Hof nach Grodno, Łowicz, Krakau, Oppeln und Wilna sowie in andere Ortschaften, in die sich die Königin begab. Die Tätigkeit des Ordens wurde im Land so sehr bekannt, dass auch andere Städte sich bemühten, die Schwestern zu sich zu holen. Im Jahre 1692 stellte der Bürgermeister von Culm, Andrzej Schmack, hierfür sein gesamtes Vermögen zur Verfügung. So kamen zwei Jahre später im Auftrag des Bischofs Kazimierz Szczuka die Ordensschwestern in die Stadt Culm[ix].

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Schwetz an der Weichsel – Verlegung der Altstadt im 19. Jahrhundert

Der Teil von Schwetz an der Weichsel (Świecie nad Wisłą), den man heute als Altstadt wahrnimmt, ist relativ jung, weil er erst infolge einer vollständigen Verlegung der Stadt im 19. Jahrhundert entstanden ist.

Am ursprünglichen Standort, einer seit dem 13. Jahrhundert besiedelten feuchten Niederung, der bei hohem Wasserstand des Flüsschens Schwarzwasser und der unweit gelegenen Weichsel ständig Überschwemmungen drohten, war das Leben für die Einwohner zur Qual geworden. So starben in den Jahren 1831 bis 1848 viele Menschen an der Cholera.

Schwetz an der Weichsel

Deshalb trug man sich schon im frühen 19. Jahrhundert mit dem Gedanken, sich auf einem nicht vom Hochwasser bedrohten Gelände nördlich des bisherigen Ortes niederzulassen. 1830 richtete man, nachdem drei Jahre in Folge schwere Hochwasser Schwetz heimgesucht hatten, eine entsprechende Eingabe an den preußischen König. Weitere Überschwemmungen wurden in den Jahren 1837, 1841, 1844 und 1845 verzeichnet. Die Regierung gestattete jedoch erst 1857 die Verlegung, die ein Jahr später begann und erst 27 Jahre später abgeschlossen war.

König Wilhelm I. stellte Schwetz zunächst 20.000 Taler zur Verfügung, aber erst 1874, als die preußische Regierung der Stadt ein Darlehen in Höhe von 108.000 Mark gewährte, wurde das Großvorhaben beschleunigt. Dazu trugen auch weitere 90.000 Mark bei, die in Form von Bauprämien ausgezahlt wurden. Diese Prämien wurden Bürgern gewährt, die ihr altes Haus abrissen und ein ebenso großes in der neuen Stadt errichteten. Als Berechnungsgrundlage diente der Wert des bisherigen Hauses. Nach Abzug des Preises der nach dem Abbruch noch verwendbaren Baustoffe wurde dem Bauherrn ein Drittel des Hauswerts in Form dieses Zuschusses ausbezahlt.

Da ärmere Einwohner der Stadt trotz dieser Bauprämien aus eigener Kraft nicht in der Lage waren, sich neue Häuser zu bauen, wurden nach einem weiteren schweren Hochwasser im Frühjahr 1879 Spenden gesammelt, um diesen Menschen kostenlos Baugrundstücke zur Verfügung stellen zu können. Die Gesamtkosten der gesamten Umzugsmaßnahmen sollen rund 650.000 Mark betragen haben.

Im frühen 20. Jahrhundert wohnte bereits die gesamte Bevölkerung in der neuen Stadt. Markanteste Punkte der alten Stadt sind heute die Ruine der Deutschordensburg aus dem 14. Jahrhundert und die Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt und in den achtziger Jahren instand gesetzt wurde.

Ansonsten erinnert nur noch wenig an das “alte” Schwetz, weil sich im einstigen Stadtgebiet heute vor allem Kleingärten und vereinzelte Häuser aus neuerer Zeit befinden.

Quellen:

  • Wacław Wojciechowski, Świecie Pomorskie niegdyś a dzisiaj, Grudziądz 1912
  • Website der Stadtverwaltung Świecie

Ergänzung vom 11. Juli 2012:

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags ist am 12.01.2008 erfolgt. Vor einigen Tagen habe ich in der Elbinger Digitalbibliothek (Elbląska Biblioteka Cyfrowa) eine knapp 100 Seiten starke und sehr detaillierte Darstellung mit dem Titel “Die Verlegung der Stadt Schwetz aus der Weichselniederung auf die Höhen am linken Schwarzwasserufer (1830-1885)” aus dem Jahr 1908, verfasst von Dr. Gustav Kötz, entdeckt. Zwar habe ich diese Quelle noch nicht in den vorstehenden Beitrag einfließen lassen können, möchte aber wegen der ausführlichen und zeitnahen Darstellung des “Umzugs” der Altstadt von Schwetz durch Dr. Kötz gleich auf dieses Werk hinweisen.

Interessant ist auch ein dieser Publikation beigefügter “Situations-Plan der Stadt Schwetz”, gezeichnet vom Deichinspektor Westphal aus Culm am 3. September 1830 nach einer älteren Karte des Artillerie-Leutnants Pippow vom Mai 1810. So lässt sich die Lage und Gliederung der “alten” Altstadt von Schwetz gut nachvollziehen. Im Kleinformat habe ich diesen “Situations-Plan” in den Artikel eingefügt. Durch Klick auf die Abbildung oder diesen Link können Sie eine größere Ansicht aufrufen.

Geschichte der jüdischen Gemeinde

Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Culms war lange Zeit nicht im Detail erforscht worden. Im September 2007 ist das Buch Z dziejów gminy żydowskiej w Chełmnie /
From the history of Jewish community in Chełmno,
verfasst von der im städtischen Museum tätigen Historikerin Anna Soborska-Zielińska, erschienen, das einen Überblick über das Schicksal der jüdischen Gemeinde von Culm liefert.

Zusammenfassung des Inhalts:

Einleitend stellt die Autorin Erkenntnisse über den Aufenthalt Menschen jüdischen Glaubens in Culm (poln. Chelmno) seit dem Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert dar. Sie geht davon aus, dass die jüdische Gemeinde in Culm formell 1820 gegründet worden ist. 1839 wurde ihr die amtliche Genehmigung erteilt, eine Synagoge bauen zu dürfen. 1842 erwarb die Gemeinde dann einen Obst- und Gemüsegarten an der Querstraße (poln. ul. Poprzeczna). Dieser wurde mit einer benachbarten Parzelle zusammengelegt, die bereits 1834 von zwei Mitgliedern der jüdischen Gemeinde gekauft worden war, und diente als Baugrundstück. Bald darauf wurde die 18,86 m lange und 16,9 m breite Synagoge errichtet, von der leider keine Abbildungen erhalten sind. Bekannt ist lediglich eine Zeichnung der Vorderfront, die anlässlich eines Umbaus im Jahr 1911 entstand (im Buch abgebildet auf der Seite 90). Die Synagoge diente der jüdischen Bevölkerung des Kreises Culm sowie angrenzender Ortschaften. Das Buch enthält eine detaillierte Beschreibung des Einzugsbereichs. [S. 12-14]

In der Nähe der Synagoge befand sich an der Ritterstraße (ul. Rycerska) seit 1902 ein 6,70 x 3,10 m großes jüdisches Schlachthaus, in dem ein qualifizierter Schächter seine Arbeit verrichtete. [S. 13]

Lage des evangelischen und jüdischen Friedhofs in Culm (Chelmno) laut Katasterplan 1861-1903Es wird davon ausgegangen, dass die ersten Bestattungen auf dem jüdischen Friedhof in Culm im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert erfolgten. Dieser erstreckte sich mit einer Breite von 31-33 m und einer Länge von 143,6 m an der damaligen Ackerstraße (poln. ul. Rolna, heute ul. Powstancow Wielkopolskich), an der sich auch der Eingang befand. Im Jahr 1906 wurde seine Fläche mit 4463 qm angegeben. 1895 wurde ein 17,6 m langes und 9,6 m breites Taharahaus errichtet, in dem die Verstorbenen nach jüdischem Ritus auf die Bestattung vorbereitet wurden. Eine Zeichnung des Taharahauses aus den Akten der preußischen Baubehörde ist ebenso erhalten geblieben wie eine Darstellung eines Grabmals für Saling Lazarus, der die Geldmittel für den Bau des Taharahauses bereitstellte und im selben Jahr eine Ruhestätte für seine Familie errichten ließ. Die Zeichnungen sind im Buch auf den Seiten 89 und 91 dargestellt. [S. 14-15]

Die Zerstörungswut der nationalsozialistischen Besatzer, die dafür sorgten, dass sowohl Synagoge als auch der Friedhof der jüdischen Gemeinde vollkommen aus dem Stadtbild verschwanden, überdauert hat das 1865 errichtete Haus an der heutigen ul. Dominikanska 7, in dessen Kellerräumen die Mikwe, also das rituelle Tauchbad der jüdischen Gemeinde Culms, untergebracht war. 1919 verkaufte die Gemeinde das Haus, wahrscheinlich deshalb, weil viele Gemeindemitglieder im Vorfeld der Eingliederung der Stadt in den jungen polnischen Staat nach Deutschland zogen und die Unterhaltung des Gebäudes zu teuer wurde. [S. 15]

Anna Soborska-Zielinska befasst sich in ihrem Buch weiter umfassend mit dem Besuch Culmer Schulen durch jüdische Kinder und Jugendliche. [S. 15 ff] Auf den Seiten 113 – 127 befindet sich eine detaillierte Aufstellung der Schüler jüdischen Glaubens, die in den Jahren 1837 bis 1939 das Gymnasium in Culm besucht haben.

In den folgenden Kapiteln ihrer Publikation stellt die Autorin die soziale und gesellschaftliche Situation der jüdischen Bevölkerung im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert näher dar. Abgedruckt sind u.a. eine Aufstellung jüdischer Bürger der Stadt aus dem Jahr 1832 sowie ein Verzeichnis jüdischer Geschäftsinhaber aus dem Jahr 1937. An vielen Einzelbeispielen beschreibt Anna Soborska-Zielińska, welchen Berufen jüdische Einwohner nachgingen. [S. 19 ff]

Erhalten haben sich Informationen über das politisch-gesellschaftliche Engagement jüdischer Bürger zur preußischen Zeit. So war der 1895 verstorbene Bankier Arnold Ruhemann viele Jahre lang Mitglied des Stadtrats und sogar Ratsvorsitzender. 1909 waren von 36 Ratsmitgliedern fünf jüdischen Glaubens. Elf Männer dienten während des Ersten Weltkriegs in der deutschen Armee und starben infolge von Kriegsverletzungen. Ab 1920 kamen die männlichen Mitglieder der jüdischen Gemeinde ihrer Wehrpflicht in der polnischen Armee nach. [S. 21 ff]

Weiter beschreibt Anna Soborska-Zielinska das polnisch-jüdische Verhältnis in den Zwischenkriegsjahren, insbesondere nennt sie Beispiele und Gründe für antisemitische Haltungen. Sie erwähnt, dass diese auch in der Presse zum Ausdruck kamen. [S. 24 f]

Zur Ergänzung der Ausführungen der Autorin möchte ich bei dieser Gelegenheit auf zwei Artikel aus der Tageszeitung “Goniec Nadwislanski” hinweisen, auf die ich zufällig gestoßen bin: Die Zeitung lobt in ihrer Ausgabe vom 28.12.1927 in einer kurzen Meldung den Cafebesitzer Władysław Frackowiak für den Kauf des Hauses an der ul. Rybacka 7, für das sich offenbar seit längerer Zeit jüdische Geschäftsleute interessiert hatten. Dem polnischen Erwerber gebühre „aufrichtige Anerkennung” für den Erwerb “dieses vom Übergang in uns feindliche jüdische Hände bedrohten Hauses”, kommentiert die Zeitung. Am 18.11.1927 wiederum rügt die Zeitung einen namentlich genannten polnischen Hauseigentümer aus Culm, weil er Geschäftsräume an einen jüdischen Kaufmann vermietet hatte. Auch die Vermietung einer Wohnung an eine jüdische Familie durch einen anderen Einwohner der Stadt wird mit scharfen und klar antisemitischen Worten von der Zeitung kritisiert.




Die Seiten 25 bis 31 enthalten statistische Daten über die jüdische Bevölkerung Culms. Im Jahr 1816 sind 42 der 3525 Einwohner der Stadt Culm jüdischen Glaubens. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte nimmt die Einwohnerzahl bis 1864 auf 8262 zu. Davon sind 520 Juden. Ihre Zahl geht danach zurück. 1910 werden nur noch 248 Personen jüdischen Glaubens verzeichnet. Nach der Eingliederung Culms in den wieder erstandenen polnischen Staat wandern viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde nach Deutschland, Danzig oder Amerika aus. 1921 zählt die Gemeinde 77 und 1923 nur noch 39 Mitglieder. Sechs Jahre später sind es 44.

Die Seiten 32 und 33 sind der Organisation der jüdischen Gemeinde gewidmet, deren wichtigste Organe von 1847 bis 1928 ein dreiköpfiger Vorstand und ein Gemeinderat mit neun Mitgliedern waren, die alle sechs Jahren neu gewählt wurden. Für einige Kadenzen ist die namentliche Zusammensetzung dieser Gremien bekannt. Bis 1932 blieb die jüdische Gemeinde in Culm selbständig. Angesichts der abnehmenden Mitgliederzahl besaß sie in der Zwischenkriegszeit keinen Rabbiner mehr und wurde schließlich 1932 der Gemeinde in Graudenz (Grudziadz) angeschlossen.

Überliefert sind die Namen von drei Rabbinern der Culmer Gemeinde: Ab 1861 (vielleicht auch schon früher) übte Dr. Fabian Feilchenfeld, Religionslehrer am Culmer Gymnasium, diese Aufgabe aus. Seine 1861, 1864 und 1869 geborenen Söhne besuchten diese Lehranstalt. Sein Nachfolger wurde Dr. Moritz Salzberger (Vater von Georg Salzberger), der ab 1878 am Gymnasium unterrichtete, bis er 1886 nach Erfurt zog. Ebenfalls als Religionslehrer am Gymnasium tätig war ab 1887 Dr. Moritz Guttmann, dessen beiden Söhne dort zur Schule gingen. Guttmann verstarb 1914 in Culm.

Mit dem Zweiten Weltkrieg und der nationalsozialistischen Besatzung endet die Geschichte der jüdischen Gemeinde Culms auf tragische Weise. In den ersten Monaten nach der Okkupation Polens, also im Herbst 1939, kommt es zu planmäßig durchgeführten Verhaftungen und der Ermordung von Menschen, die der polnischen Intelligenz zugerechnet wurden, aber auch Menschen jüdischer Abstammung (vgl. hierzu das Kapitel Vernichtungsmaßnahmen im Beitrag Die nationalsozialistische Okkupation Kulms 1939-1945). Die meisten der in Culm wohnenden Juden – einige konnten fliehen und kamen schließlich ins Warschauer Ghetto – wurden im Wald bei Klamry ermordet, nämlich Artur Breslauer, Paula Bukowcer, Berta, Dora und Szmul Cuker, Izydor und Jenny Feibel, Maks und Minna Feibus, Selma und Zygfryd Ginzel sowie ihr Sohn, Artur und Jenny Loewenberg, Frieda Reinfeld, Regina und Szmul Rein sowie Szymon Wejner (S. 34 oben).

Auf der Seite 33 erinnert die Autorin daran, dass vor ihrer Ermordung jüdische Einwohner Culms von Deutschen durch die ul. Rycerska und ul. Torunska getrieben und gezwungen wurden, auf dem Marktplatz mit Löffeln Unkraut aus den Fugen des Kopfsteinpflasters zu kratzen.

Ende Oktober oder Anfang November 1939 sprengten die Deutschen die Synagoge und verbaten der Feuerwehr, den ausgebrochenen Brand zu löschen. Noch verwendbares Baumaterial wurde verkauft. So erwarb der Landwirt Teodor Brüggemann aus Dorposz am 4. November 1939 Ziegel für den Bau eines Stalls. Das Grundstück wurde vollkommen geräumt, um jedwede Spuren, die an die Synagoge erinnern könnten, zu beseitigen. Zunächst wurde hier ein Kinderspielplatz angelegt, später entstanden Garagen (Nachtrag vom 13.07.2012: Die Lage der Synagoge wird in folgendem Beitrag beschrieben: Standort der 1939 zerstörten Synagoge in Chełmno).

Von der Bildfläche verschwinden sollte auch der jüdische Friedhof. Selbst aus seiner Auflösung schlug die NS-Verwaltung noch wirtschaftlichen Profit, verkaufte nämlich die Grabsteine aus Granit an den Steinmetz Jacob Job aus Bydgoszcz. Das Friedhofsgelände wurde eingeebnet und für den Bau von Mehrfamilienhäusern ausgewiesen. Diese Arbeiten liefen bis Anfang 1943. Am 24. Januar 1944 wurde die 4463 qm große Fläche für 6694,50 Reichsmark an die Neue Heimat Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft der Deutschen Arbeitsfront im Gau Danzig-Westpreußen verkauft.

Auf den Seiten 35-36 beschreibt Anna Soborska-Zielinska das Engagement der Familie Kaczmarek, die in der ul. Rycerska wohnte und 1943 das jüdische Mädchen Rebeka Motyl aufnahm, dessen Mutter kurz nach Kriegsausbruch von den Deutschen ermordet worden war und dessen Vater auf der ständigen Flucht einen sicheren Ort für Rebeka und ihren Bruder Mieczyslaw suchte. Die Familie Motyl wohnte vor dem Krieg in Golub, rund 60 km von Culm (Chelmno) entfernt. 1943 wurden schließlich dort die beiden Kinder von Jozef Matuszewski aufgenommen, der jedoch fürchtete, dass die Kinder in ihrer Heimatstadt erkannt werden könnten. Daher brachte er Mieczyslaw bei der Familie seiner Ehefrau in der Nähe von Cekcyn unter, Rebeka hingegen bei seiner Schwester Wladyslawa, die mit ihrem Ehemann Franciszek und der Tochter Teresa in Culm wohnte. Es gelang, für Rebeka falsche Ausweispapiere auf den Namen Regina Kwiatkowska zu beschaffen und am 20. Januar 1944 wurde Rebeka als „Regina“ behördlich gemeldet. Da das Mädchen bald das schulpflichtige Alter erreicht hatte, wurde Franciszek Kaczmarek mehrmals vorgeladen, konnte jedoch die ihn befragenden Beamten überzeugen, dass es sich um das Kind entfernter Verwandter handele, die durch Kriegseinwirkungen ums Leben gekommen seien. Gefährlich war zudem der Umstand, dass das Haus der Kaczmareks in der ul. Rycerska an das des SS-Mitglieds Plotzke grenzte, dessen Kinder sogar mit „Regina“ auf dem Hof zusammen spielten. Jedoch blieb die wahre Identität „Reginas“ bis zum Abzug der deutschen Besatzer unentdeckt. Ihr Vater erschien zwar nach Kriegsende in Culm, verließ die Stadt dann aber wieder, ohne dass sein weiteres Schicksal bekannt ist. Danach bot sein Bruder Samuel an, Rebeka aufzunehmen, jedoch wollte das Mädchen bei den Kaczmareks bleiben, für die sie mittlerweile wie eine zweite Tochter war. Schließlich wurde Rebeka jedoch von Vertretern der jüdischen Gemeinde in Polen abgeholt und kam gemeinsam mit ihrem Bruder Mieczyslaw über die Tschechoslowakei und Deutschland nach Frankreich. Noch 1947 schickte Rebeka ihrer Pflegefamilie Briefe nach Polen. Schließlich wanderte sie nach Israel, ihr Bruder in die USA aus. 1991 besuchte Rebeka zum ersten Mal nach langen Jahren Polen und traf auch Wladyslawa und Teresa Kaczmarek, die am 3. Dezember 1991 in Warschau ebenso wie der zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbene Franciszek Kaczmarek für die Rettung Rebeka Motyls mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wurden.

Im Folgenden enthält das Buch eine ausführliche Beschreibung des Verlaufs der Veranstaltung Pamięć i Tolerancja (Gedächtnis und Toleranz), die am 12. und 13. Mai 2007 in Chelmno und Swiecie stattfand und vor allem dem Gedenken an die jüdischen Gemeinden der beiden Weichselstädte diente.

Das Buch beruht auf eingehenden Recherchen und enthält viele Detailangaben wie beispielsweise viele Namen jüdischer Einwohner der Stadt, deren Nennung den Rahmen der obigen Zusammenfassung sprengen würde.

Kartenausschnitt mit Lage des jüdischen Friedhofs aus: Czacharowski, Antoni (Hrsg.), Atlas historyczny miast polskich, Tom I, Prusy Królewskie i Warmia, Zeszyt 3 Chełmno [Historischer Atlas polnischer Städte, Band I, Königliches Preußen und Hochstift Ermland, Heft 3 Kulm], Toruń 1999

[Erstveröffentlichung dieses Beitrags: 18.02.2008]

Adressbuch 1941

Nach dem Adressbuch 1928 und dem Telefonbuch 1939 habe ich die die Stadt Chełmno (amtliche Bezeichnung während der Besatzungszeit: Kulm an  der Weichsel) betreffenden Einträge aus einem in der Digitalen Bibliothek Kujawien-Pommern verfügbaren Adressbuch von 1941 (Deutsches Reichs-Adressbuch. Die Ostgebiete : Reichsgau Danzig-Westpreussen, Reichsgau Warthenland, Provinz Oberschlesien, Reg.-Bez. Zichenau und Landkreis Suwalki, Ortsverzeichnis, Branchenverzeichnis) in die folgende Aufstellung übernommen, deren Reihenfolge der des Originals entspricht. Die Schreibweise habe ich im Wesentlichen beibehalten.

Die Abkürzung „FT“ bedeutet Fernsprechteilnehmer und steht vor der jeweiligen Telefonnummer, „Ps“ Postscheckkonto, „Da.“ Danzig und „Bn.“ Berlin.

Obwohl dieses Behörden- und Branchenverzeichnis aus der Zeit der deutschen Besatzung Polens den Titel „Reichs-Adressbuch“ trägt, sind bei den einzelnen Einträgen leider keine Adressen angegeben. Die Stadt Chełmno ist unter Kulm (Weichsel) auf den Seiten 105 und 106 dieses „Reichs-Adressbuchs“ zu finden.

7. Juli 2012  – Andreas Prause


KULM (Weichsel). Kreisstadt. (…)

Behörden:
Reichsbahnbetriebsamt
Staatl. Gesundheitsamt
Wehrmeldeamt
Arbeitsamt-Nebenstelle
Kreisschulamt
Finanzamt
Vermessungsamt
Wasserstrassenamt

Schulen:
Gymnasium
Herm.-Löns-Oberschule

Kirchen:
1 evang.
3 kath.

Bürgermeister: Buchwald
Gas- und Wasserwerk: Städtisch
Krankenhaus: Kreiskrankenhaus, Chefarzt Dr. Krings (Chir.)
Schlachthof: Pröbsting
Feuerwehr: Wehrführer Bergmann
Deutsche Rote Kreuz – Bereitschaft: Dr. Krings

Eingetragene Firmen:
Chmurzynski, Josef, Gurkeneinlegerei, FT 165
Deutsche Volksbank EGmbH, Bromberg, Zweigstelle Kulm a. W., Geldinstitut, FT 75, Ps 2670 Da.
Fitzermann, Gebr. (Treuhänder Gg. Donath), Korbwarenfabrik, FT 85
Huth, Hans (Hans H.), Drahtwarenfabrik, FT 68, Ps 4549 Da.
Kulmer Dampfziegelei Lothar Rost, Ziegelei, FT 158
Kulmer Stadtdruckerei Fritz Ring, Buchdruckerei, FT 158
Kulmer Zeitung GmbH, FT 140
Kürbis & Co., Erich, Handelsvertreter, FT 80
Lehmann, Günter, Fassbänder u. –reifen, FT 84, Ps 112566 Bn.
Lemon, Johannes (Gebr. L.), Spediteur, FT 46
Marienmühle A. Meseck & W. Schultze (Arthur Schmidt u. W. Schultzes Erben), Mühle u. Sägewerk, FT 18, Ps 4445 Da.
Reiss, Oskar, Kolonialwarengrosshandlung, FT 128
Thiel & Co., Malzfabrik, FT 21
„Unia“ vorm. R. Peters (Treuhänder Rud. Peters), Landwirtschaftl. Maschinenhandlung, FT 20
Warengenossenschaft Raiffeisen EGmbH, Landesprodukte, FT 26
Ziegelei Saturn (Fritz Kiepert), FT 41

Aerzte:
Draczkowski
Pohlmann, Friedr.

Zahnärzte:
Falst, Werner

Tierärzte:
Pröpsting
Rosenkrantz, Herbert

Apotheken:
Hempel, Gerd (Ratsapotheke), FT 161

Bäcker:
Derra
Drozdowski, Alwin
Franz, Roh, FT 156
Gurkiewicz, Leo
Menz, Ad.
Musall, Aug.
Neske, Ewald, FT 90
Ragoss, Erich,
Schwichtenberg, Erich, FT 144

Baugeschäfte:
Parpart, Hugo
Ragoss, Erwin, FT 159

Baustoffhandlung:
Frucht, Fritz, FT 38, Ps 4556 Da.

Biergrosshandlung:
Erdmann, Theodor, FT30

Brennmaterialien:
Frucht, Fritz, FT 38, Ps 4556 Da.
Wedel, Ernst, FT 14

Buchdruckereien:
Bingke, Wilh.
Kulmer Stadtdruckerei Ring, Fritz

Buchhandlung:
Bromundt, Wilh., FT 149

Dachdecker:
Robin, Max
Brosowski, Alex
Nowacki, Franz

Dentisten:
Klebba, Herbert, Ps 4375 Da.
v. Dessonneck, Hans-Georg, Ps 4251 Da.

Drahtwarenfabriken:
Huth, Hans

Drogenhandlung:
Klomfass, Bruno (Central-Drogerie)

Eisen- u. Stahlwarenhandlung:
Golebiewski, S., FT 15
Reiss, Werner, FT 152

Elektrische Installationen:
Ciechanowski, Theo
Groschewski, Frz.
Kunz, Hans, FT 11
Slomkowski, Leo

Färbereien u. Druckereien:
Steffen, Eduard, FT 74

Fassbänder u. – reifen:
Lehmann, Günter

Fleischer:
Dembeck, Lor.
Flöter, Ewald
Frackowski, Joh.
Grzywaczenski, Frz.
Hoppe, Frz.
Kensik, Karl
Patzke, Erwin
Perschke, Theodor
Pofelski, Jul.
Pohl, Herb., FT 96
Schönrock, Otto
Slomski, Wladisl.
Wojciechowski, Leo

Friseure:
Beyer, Willi
Borowski, St.
Epding, Alw.
Jakubowski, M.
Kwas, Leop.
Schmantz, Gottl.
Zlelewski, Frz.

Fuhrwesen (Auto):
Werwitzki, Otto, FT 1

Geldinstitute:
Deutsche Volksbank EGmbH
Kreissparkasse, FT 50, Ps 1177 Da.

Glaser:
Kawecki, Frz.

Glas- und Porzellanwarenhandlung:
Becker, Wilh., FT 51

Gurkeneinlegereien:
Chmurzynski, Josef, FT 165

Handelsvertreter:
Kürbis & Co., Erich (Landesprodukte)

Hebammen:
Ringel, Betty, FT 160

Hotels u. Gasthöfe:
Bahnhofshotel (Paul Subkowitz), FT 165
Pelzer, Bruno, FT 141
Schalwicki, Paul, FT 61
Wohlert, Willy

Klempner:
Habendorf, Herm., FT 97
Knopf, Alois
Zander, Alb.

Kohlengrosshandlung:
Wedel, Ernst, FT 14

Kolonialwarengrosshandlung:
Reiss, Oskar

Kolonialwarenhandlung:
Bunk, Otto, FT 95
Chlosta, Jos.
Filarski, Alex, FT 73
Kasztellan, Jos.
Kraftke, Gertrud
Neumann, Hch.
Prelowski, Thomas
Ross, Willy, FT 79
Schalwicki, Paul, FT 61
Stroinski, Jos.
Strzenkowski, W.
Swietlik, Maria
Szalwicki, Paul
Trykowski, Alf.
Winiarski, Emilie
Winkowski, Gg.
Wittek, Alfr.
Ziolkowski, Stanislawa

Konditoreien:
Nielson, Arthur, FT 104
Pelzer, Bruno, FT 141

Korbwarenfabriken:
Fitzermann, Gebr. (Treuh. Gg. Donath)

Landesprodukte:
Landwirtschaftliche Grosshandelsges. mbH (Zentrale in Danzig), FT 26
Warengenossenschaft Raiffeisen EGmbH

Landwirtschaftl. Maschinenhandlung:
„Unia“, vorm. Peters, R.

Lichtspieltheater:
„Appollo“ (Leitreiter)

Likörfabriken:
Priebe, Walter, FT 49

Malzfabriken:
Thiel & Co.

Manufaktur- und Modewarenhandlung:
Altendorf, Theod., FT 5
Hohensee (Adolf-Hitler-Platz)
Hohensee (Wasserstr.)
Muziol, Max, FT 69
Scheffler, Otto, FT 129

Maurermeister:
Rosinski, Johann

Mechaniker:
Granowski, Alb.

Mühlen (Getreide):
Marienmühle A. Meseck & W. Schultze

Obstbaubetriebe:
Kalweit, Ernst, Ps 2752 Da.

Photograph. Ateliers:
Kawala, Fr.
Lamanski, Florian

Restaurationen:
Badziong, Leonh.
Fiebig, Adolf
Filarski, Alex
Janeczkowski, Leo
Kaczinski, Thom.
Supkowitz, Paul

Rohprodukte:
Seidel, Elfriede, FT 62

Rundfunkapparatehandlung:
Kurz, Hans, FT 11

Sägewerke:
Marienmühle A. Meseck & W. Schultze
Schönauer Mühlen- u. Sägewerke AG [Treuh. Georg Schauer] (Zentr. in Schönau), FT 24

Sattler:
Bartsch, Ferd.
Buller, Gust.
Marx, Leop.

Sauerkrautfabrik:
Chmurzynski, Josef

Schiffahrtsgesellschaften:
Bromberger Schleppschiffahrt AG (Zentrale in Bromberg), FT 93

Schlosser:
Bunn, Otto u. Walter
Eblowski, St.
Kalweit, Walter
Leitreiter, Bruno, FT 16
Schipper, Leo
Tobolski, Joh.

Schmiede:
Büttner, Joh.
Jakala, St.
Pohl, Willy
Röhr, Kurt

Schneider:
Badziong, Sigism.
Badziong, Wladis.
Bergmann, Ernst
Brzeznikowski, Bernh.
Czarnecki, Max
Dewner, Willy
Gaca, Ant.
Ganasinski, Joh.
Gesicki, Wladisl.
Hahn, Ferd.
Olszewski, Ignatz
Ostrowski, Ant.
Palmowski, Felix
Ryzkowski, Anton

Schneiderinnen:
Franz, Hedwig
Rekowski, Anna
Schulz, Else

Schokoladen- und Zuckerwarenhandlung:
Lukullus Zucker- und Schokoladenfabrik Franz Lehmann (Zentrale in Bromberg), FT 142

Schornsteinfegermeister:
Cziba, Wilhelm
Grustmann, Wladisl.
Lewandowski, Bruno
Meinhold, Frz.
Mickiewicz, K.

Schuhhandlung:
„Bata” Schuh- u. Lederwerke AG (Zentrale in Chelmek O./S.) [Kom. Verw. Heinz Mahnkopf]

Schumacher:
Abraham, Max
Reczinsky, Joh.
Berger, Bruno
Gatkiewicz, Stanisl.
Prüfer, Gust.
Reiske, Joh.
Stalmierski, Frz.
Szewczykowski, Frz.
Therl, Joh.

Spediteure:
Lemon, Johannes

Stellmacher:
Orlikowski, Emil

Strumpf- und Wollwarenhandlung:
Altendorf, Theod.
Marohn, Gertrud
Romalm, K.

Tischler:
Hinz, Erich, FT 145
Wedel, Eduard, FT 92, Ps 4235 Da.

Töpfer:
Czarnecki, Jos.
Czaster, Konstant.
Dwinsky, Ant.
Jordan, Otto
Templin, Stanisl.

Viehhandlung:
Seidel, Karl, FT 62

Weinhandlung:
Okomar, Franz, FT 175

Ziegeleien:
Kulmer Dampfziegelei Lothar Rost
Ziegelei Saturn

Zigarrenhandlung:
Fiebig, Ad.
Okomar, Franz, FT 175
Supkowitz, Paul

Zimmermeister:
Parpart, Hugo

Katyń-Denkmal

Der berühmte Regisseur Andrzej Wajda hat in seinem 2007 produzierten Film Katyń ein Ereignis und seine Nachwirkungen verarbeitet, das sich tief ins Bewusstsein der polnischen Gesellschaft eingebrannt hat.

Katyn-Denkmal in Chełmno Mit einem geheimen Zusatzprotokoll zum später als Hitler-Stalin-Pakt bezeichneten Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 hatten das Dritte Reich und die Sowjetunion ihre Interessensphären in Polen abgesteckt. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 und dem für die polnische Bevölkerung überraschenden Einrücken der Sowjetarmee am 17. September 1939 in Ostpolen wurde diese vierte Teilung Polens durch den sog. deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag am 28. September 1939 besiegelt. Durch das relativ schnelle Vorrücken der deutschen Armeen hatte sich das Kriegsgeschehen ab Mitte September vorwiegend nach Ostpolen verlagert. Dadurch kamen viele polnische Armeeangehörige und Polizeibeamte in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Das Politbüro der KPdSU erließ im Frühjahr 1940 den Befehl, tausende polnische Gefangene durch den sowjetischen Geheimnis NKWD hinrichten zu lassen. Ihre Leichen wurden an verschiedenen Stellen in Massengräbern verscharrt.

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion und der Besetzung sowjetischer Gebiete entdeckten Wehrmachtsangehörige im Februar 1943 in einem Waldgebiet bei der Ortschaft Katyń nahe Smolensk Massengräber mit Leichen polnischer Offiziere. Die Polnische Exilregierung forderte darauf eine internationale Untersuchung der Funde, wodurch es zu ihrem Bruch mit Moskau kam. Die Nationalsozialisten nutzten das Massaker von Katyń zu gegen die Sowjetunion gerichteten Propagandazwecken und gestatteten einer internationalen Untersuchungskommission, die unter anderem mit Gerichtsmedizinern besetzt war, die Massengräber in Augenschein zu nehmen. Diese kam zum Schluss, dass die Tötungen der polnischen Offiziere im Frühjahr 1940 erfolgt waren.
Nachdem die Rote Armee Ende 1943 die deutschen Truppen zurückgedrängt hatte, führte die Sowjetunion eine erneute, ihrer Propaganda genehme, Untersuchung durch, die einen späteren Todeszeitpunkt (Herbst 1941) feststellte und den Massenmord dem Dritten Reich anlastete.

Die nationalsozialistische Täterschaft war bis zur Wende 1989/90 Gegenstand der offiziellen Geschichtsschreibung in der Sowjetunion und den anderen Ostblockstaaten. Erst 1990 gestand die Sowjetunion ihre Verantwortung ein. Im Oktober 1992 ordnete der russische Präsident Jelzin an, Polen Kopien von noch vorhandenen Dokumenten über das Massaker zu überlassen, die anschließend sowohl in Polen als auch in Russland veröffentlicht worden sind. Bis heute laufen historische Forschungen, weil die Geschehnisse vom Frühjahr 1940 bisher nicht im Detail aufgeklärt werden konnten.

Auch in Polen konnte über die wirklichen Täter der Massenexekutionen in der Nachkriegszeit nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden. Besonders deshalb ist bis heute das Bedürfnis nach vollständiger Aufklärung der Vorgänge und nach einer Erinnerung an die Opfer besonders groß. So hat das polnische Parlament am 14. November 2007 beschlossen, den 13. April als Gedenktag für die Opfer der Verbrechen von Katyń zu begehen.

Mit Katyń verbindet sich ein weiteres tragisches Ereignis der jüngsten polnischen Geschichte, bei dem 96 Menschen starben. Die Passagiere der am 10. April 2010 beim Landeanflug auf den Militärflugplatz Smolensk-Nord abgestürzten polnischen Regierungsmaschine, unter anderem Staatspräsident Lech Kaczyński, seine Ehefrau Maria, der letzte Staatspräsident der Polnischen Exilregierung Ryszard Kaczorowski, hohe Offiziere sowie Vertreter von Parlament, Regierung, Behörden, Glaubensgemeinschaften und Verbänden, waren anlässlich des 70. Jahrestages des Massakers auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung auf dem Soldatenfriedhof Katyń.

In Culm (Chełmno) erinnert an die aus der Stadt stammenden Offiziere, die 1940 in der Sowjetunion ermordet worden sind, unter anderem ein am 24. Juni 1995 enthüllter Gedenkstein auf dem Platz vor der Garnisonskirche. Dieser enthält in polnischer Sprache folgende Inschrift:

Den Soldaten der Culmer Garnison, nämlich des 66. Kaschubischen Infanterieregiments und des 8. Kavallerieschützenregiments, die vom NKWD im Jahr 1940 in Katyń und an anderen Hinrichtungsstätten während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden sind.

Folgende Offiziere der genannten Regimenter, die in Culm stationiert waren, gehören zu den Opfern von Katyń:

66. Kaschubisches Infanterieregiment
Rafał Sołtan
Jerzy Jeleniewicz
Józef Kordasiewicz
Stanisław Podwiński
Józef Ruszar
Władysław Dworczak
Tadeusz Gąsiorowski
Eugeniusz Rykowski
Jerzy Terlicki
Antoni Boczek
Józef Grzanka
Szczepan Eugeniusz Łuczak
Ludwik Młynarczyk
Józef Wawrzyniak
Edmund Wróblewski
Michał Frank
Izydor Janca
Mieczysław Nierzwicki
Leon Porasiński
Paweł Przytuła

8. Kavallerieschützenregiment
Jerzy Staniszewski
Arkadiusz Dejewski
Julian Janas
Kazimierz Duczko
Ignacy Prądzyński
Tadeusz Sikorski

Offizier der Staatspolizei
Witold Nowakowski

Den Offizieren des 66. Kaschubischen Infanterieregiments wurde darüber hinaus eine am 21. Juni 1998 enthüllte Gedenktafel gewidmet, die sich im Innern der Garnisonskirche befindet.

Wie sehr die verbrecherische Kooperation der totalitären Nachbarmächte Polens Einfluss auf das Schicksal einzelner polnischer Familien hatte, zeigt das tragische Lebensende von Jan Nierzwicki (Vater) und Mieczysław Nierzwicki (Sohn).

Der 1874 geborene Zahnarzt Jan Nierzwicki hatte sich nach seinem Studium in München in Culm niedergelassen und engagierte sich noch zu preußischer Zeit in polnischen Organisationen. Während der Zwischenkriegsjahre setzte er sein umfangreiches gesellschaftliches und politisches Engagement fort. Insbesondere hat er als Heimatforscher mehrere Publikationen veröffentlicht, die unter anderem der Geschichte der Kirchengemeinde und der des örtlichen Gymnasiums gewidmet sind.

Zur örtlichen polnischen Führungsschicht zählend, deren Auslöschung sich die Nationalsozialisten zum Ziel gemacht hatten, wurde er kurze Zeit nach der deutschen Besetzung Polens inhaftiert und am 5. November 1939 in Klamry ermordet.

Familiengrab Nierzwicki in ChełmnoSein 1915 in Culm geborener Sohn Mieczysław, der 1934 am örtlichen Gymnasium seine Abiturprüfung bestanden und als Buchhalter in der Przechowo-Młyny i Tartaki S.A. in Przechowo unweit seiner Heimatstadt gearbeitet hatte, wurde als Reserveoffizier dem 66. Kaschubischen Infanterieregiment zugeteilt und gehört zu den Opfern von Katyń.
An Vater und Sohn erinnern Gedenktafeln am Familiengrab auf dem katholischen Friedhof in Culm.


Quellen:

  • Anna Soborska-Zielińska, Pomnik Katyński, in: Chełmińskie pomniki i tablice pamiątkowe, Chełmno 2001, S. 186 ff
  • Anna Soborska-Zielińska, Tablica pamiątkowa poświęcona oficerom 66 Kaszubskiego Pułku Piechoty im. Marszałka Józefa Piłsudskiego pomordowanym w 1940 roku przez NKWD w Katyniu i innych miejscach kaźni, in: Chełmińskie pomniki i tablice pamiątkowe, Chełmno 2001, S. 200 ff
  • Stefan Rafiński, Chełmiński Słownik Biograficzny, Chełmno 2006, S. 131